Milo Manara hat es vorgestern fast geschafft, mir die Freude am Comiclesen zu nehmen. Denn sein „Der Duft des Unsichtbaren“ (Link) hat mich ziemlich aufgeregt (und zwar nicht im guten Sinne), und dann lagen auf meinem Rezensionsstapel noch zwei weitere Werke des italienischen Künstlers. Aber hey, wenn mir der „Splitter Verlag“ schon dankenswerterweise Comics schickt, dann werden die auch rezensierten. Also Augen zu und durch!
Nun können wir aber gleich mal alle wieder den Puls runterfahren, denn „Mann aus Papier“ ist ein Western. Klar, auch hier ist eine eine normschöne Frau wieder das Opfer und zudem auch noch nackiger als der Rest. Aber immerhin gibt es diesmal keine explizite sexuelle und misogyne Gewalt, das ist ja schon mal ein Schritt in die richtige Richtung ;-) Aber mal ernsthaft, worum geht es hier eigentlich? Um ehrlich zu sein, so richtig kann man das gar nicht greifen. Denn viele kleine und mitunter sehr skurrile Episoden reihen sich in diesem 56 Seiten dünnen Comic (der mal als Ausgangspunkt für eine nie realisierte WildWest-Reihe gedacht war) aneinander, welche der titelgebende Mann aus Papier überstehen muss. Der ist natürlich nicht wirklich aus Papier, aber weil er immer wieder das Papier-Foto seiner Geliebten anschmachtet, wird er so von einer gefangenen Indigenen mit dem schönen Namen Weißer Hase (laut Klappentext und Verlagswebseite allerdings „Weißes Kaninchen“) genannt. Diese schließt sich, ebenso wie zuvor ein alternder englischer Kriegsveteran und später ein wasserscheuer Geistlicher (der beim Regeln zum Hulk wird) und ein „rückwärtsorientierter“ Ureinwohner, der Reise des Protagonisten an. Und dann reisen sie durch die Gegend, erleben die typischen WildWest-Klischees (Saloon-Schlägereien, Planwagen-Trecks, belagerte Forts, gejagte Indigene und Indigene auf der Jagd etc.) und wachsen als Gruppe zusammen.
Tja, wie soll ich diesen Comic nun finden? Definitiv besser als der Vergewaltigungsschund vorgestern, aber das ist ja auch nicht schwer ;-) Aber wirklich gut ist „Mann aus Papier“ dann doch nicht. Denn die verschiedenen Episoden sind zwar absurd, aber sie verbinden sich nur notdürftig zu einer schlüssigen Gesamtgeschichte. Klar, es gibt ab und an auch spannende Momente, aber insgesamt war mir nie ganz klar, was mir Manara eigentlich hier bieten will. Eine Western-Parodie? Ein exotisches Abenteuer? Eine philosophisch-tiefgängige Parabel? Oder einfach mal einen Schnellschuss, um zu schauen, wie sich daraus eine ganze „Mann aus Papier“-Serie entwickelt? Keine Ahnung. Und genauso wenig habe ich eine Ahnung, für wen dieser Comic empfehlenswert ist. Vermutlich nur diejenigen unter euch, die entweder wirklich alles kaufen, was im Wilden Westen spielt, oder die knallharte Fans von Manaras Zeichnungen sind. Ich bin es jedenfalls nicht, daher leider ein durchwachsenes...
Fazit: „Mann aus Papier“ (Link) ist kein schlechter Western-Comic, aber eben auch kein guter. Keine Ahnung, ich weiß nicht mal, ob er durchschnittlich ist, denn ich spüre hier einfach überhaupt nichts. Und dass ich mal einem Comic gegenüber völlig gleichgültig bin, kommt so selten vor, dass das auch schon wieder so eine Art Wertung ist ;-)