Einer der bedeutendsten europäischen Künstler, der liebend gern unsittliche Bilder malte? Diese Beschreibung trifft gleich auf zwei Personen zu! Einerseits auf Michelangelo Merisi da Caravaggio, der die römische Barockmalerei begründete, und auf Milo Manara, dessen Comic-Machwerke ich diese Woche bereits zweimal besprochen habe. Aber aller guten Dinge sind drei, daher schaue ich mir heute mal die Caravaggio-Biografie von Manara an.
Michelangelo Merisi da Caravaggio gilt, gemeinsam mit Annibale Carracci, als Überwinder des Manierismus (wieder so ein Begriff, den man nur lernt, wenn man Comic-Rezensionen schreibt und dafür Wikipedia durchliest...) und Gründer der Barockmalerei. Das ist für Kunstgeschichtsstudierende sicherlich spannend, macht aber noch keinen Lesespaß. Welch ein Glück für uns Comic-Fans also, dass Caravaggio ein ziemlich unangenehmer Zeitgenosse war, der gern mal ausrastete und dabei auch zur Waffe griff. Kein Wunder also, dass sein Leben ein stetiges Auf und Ab war, welches gefühlt nur aus den beiden Zuständen „alle wollen, dass er für sie malt“ und „er muss fliehen, weil er mal wieder gewalttätig wurde“ besteht. Der Comic beginnt mit seiner Ankunft in Rom, wo er nach einem Einstiegsjob in der Malwerkstatt von Cavalier d'Arpino schnell zum Lieblingsmaler der Kardinäle wird. Weil er bei einem Streit dann aber zum Degen greift, muss er als verurteilter Mörder nach Neapel fliehen. Dort wurde er Günstling des neapolitanischen Adels, zog dann aber weiter zum Malteserorden, um als Ritter vom Papst begnadigt zu werden. Na und jetzt ratet mal, was er da wieder angestellt hat? Genau, erst hübsche Bilder malen, dann besoffen mit der Pistole rumfuchteln und einem Ritter-Kollegen im Streit die Nase wegschießen. Also wieder Flucht, diesmal nach Sizilien, dann zurück nach Neapel, wo neben der Malerei ein alter Streit aufflammete, bevor er kurz vor der Begnadigung an einer Krankheit mit gerade mal 38 Jahren starb.
Ein überaus spannendes Leben also, für das sich die Lektüre der Wikipedia-Biografie (Link) lohnt. Denn es gibt zwar durchaus historische Quellen, von denen sind aber viele fragwürdig oder voreingenommen. Hier stand Milo Manara also vor einem Dilemma, ob er lieber nur die wirklich belegten Fakten auf 136 Seiten verwurstet oder ob er auch die Gerüchte und Halbwahrheiten nutzt. Ohne dass ich jetzt ein Kunsthistoriker bin, würde ich vermuten, dass er einen Mittelweg gegangen ist, mit einer Tendenz zu bewiesenen Fakten. Was sicherlich auch die richtige Entscheidung war, da Caravaggios Leben auch so schon genug Spannung bot. Außerdem würde der charakterlich eh schon schwierige Protagonist gleich noch ein Stück schwieriger, wenn man seinen Begeisterung für Knaben thematisiert hätte. Aber auch so wird Caravaggio ambivalent genug dargestellt, denn Genie und Wahnsinn liegen hier eng beieinander. Wobei Wahnsinn irgendwie ableistisch ist; Arschlochigkeit passt da irgendwie besser ;-) Manara hat hier erzählerisch also gute Arbeit geleistet. Aber auch zeichnerisch zeigt er, was er so drauf hat! Nachdem seine anderen beiden von mir diese Woche rezensierten Comics ja eher mittelmäßig aussahen (was nicht nur, aber auch, an der Kolorierung lag), zeigt er hier nun endlich sein ganzes Können. Die Zeichnungen vom Italien des späten 16. und frühen 17. Jahrhunderts sind wunderbar atmosphärisch, mitunter fühlt man sich beim Lesen tatsächlich in diese Zeit zurückversetzt. Wer hätte gedacht, dass mein Manara-Rezensionsdreier mit einem solch großartigen Comic endet, dem der „Splitter Verlag“ (der mir dankenswerterweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte) – wie den anderen beiden besprochenen Manara-Comics auch – sogar einen hübschen Kunstdruck beigelegt hat.
Fazit: Nachdem ich ja zweimal so enttäuscht wurde, hat mir Milo Manara nun mit „Caravaggio“ (Link) eindrucksvoll bewiesen, warum ihn alle so abfeiern. Das ist ein wirklich guter Geschichtscomic, nicht nur für die Fans von Barockmalerei!