Französische Romane, qualitativ hochwertig adaptiert als franko-belgische Graphic Novels? Keine Frage, wir sind wieder mal beim „Splitter Verlag“ gelandet, der in diese Richtung ja schon eine ganze Reihe an echten Meisterwerken publiziert hat. Nun also eine schwarzhumoriger und überraschend brutaler Noir-Thriller rund um eine Killer-Oma, die Amok läuft. Kann das gut gehen? Definitiv ja, wenn man den durchgehenden 5-Sterne-Rezensionen der Blogger-Kolleginnen und -Kollegen glaubt. Aber wie immer, wir wissen ja alle wie das läuft, bin ich bei so vielen Lobeshymnen mehr als nur skeptisch...
1985: Mathilde, die 60 schon überschritten und mit den ersten Anzeichen einer neurodegenerativen Erkrankung, arbeitet nach wie vor als Auftragskillerin. Mit überaus viel Geschick und einer großkalibrigen Wumme ist sie bisher durch das Netz der Polizei geschlüpft. Doch bei ihrem neusten Fall lässt sie sich zu Spielereien hinreißen, welche ihre Auftraggeber (wie sie auch Mitglieder einer Ex-Résistance-Widerstandsgruppe) mit Argwohn betrachten. Mathilde will das Wiedergutmachung leisten, bringt stattdessen aber ihre Putzfrau um, die sie fälschlicherweise für ihr neues Auftragsziel hält. Und als sie dann wirklich einen Auftrag bekommt, muss sie nach einem Blutbad so überstürzt fliehen, dass ihr die Polizei nun doch auf die Schliche kommt... Doch da ist es schon zu spät, denn ihr Auftraggeber hat sich von ihr abgewandt, was Mathilde natürlich nicht auf sich sitzen lassen kann ;-)
„Auf den Hund gekommen“ ist, wie in der Einleitung geschrieben, schwarzhumorig und brutal. Und das muss sich prinzipiell nicht ausschließen, auch wenn es einige Entwicklungen innerhalb der Geschichte gibt, die eher unerwartet kommen. Und das meine ich nicht unbedingt im positiven Sinne, denn irgendwann läuft Mathilde einfach nur Amok. Ihre Opfer sterben, klar, aber auch Polizisten, konkurrierende Auftragskiller und vor allem aber auch unbeteiligte Personen. Und das ist der Punkt, an dem mich die Geschichte ein wenig verliert. Denn die gesamte Geschichte, in der gezeichneten Version immerhin 120 rasch weggelesene Seiten lang, enthält einfach keinerlei Identifikationsfigur. Mathilde bringt immer rücksichtsloser alles und jeden um, während (Achtung Spoiler!) so ziemlich jede Figur, die auch nur halbwegs sympathisch ist (ja, sogar der Hund, aber ich hab ja schon eine Spoilerwarnung gegeben), irgendwo auf halber Strecke den Kopf verliert. Und am Ende muss dann die unbedeutendste Nebenfigur durch mehr oder minder Zufall für Gerechtigkeit sorgen, damit die Bösewichtin nicht doch noch mit all ihren Morden davon kommt...
Das ist, so finde ich zumindest, recht uninspiriertes Geschichtenerzählen. Sicherlich, es ist auch mutig, mal die Bösewichtig in den Fokus zu rücken, aber dann ist das ja alles doch nur als verschmähter Liebe geschehen, also hat die Frau natürlich geschlechtstypisch einfach nur ein wenig hysterisch reagiert ;-) Ich will „Auf den Hund gekommen“ damit nicht abwerten, gerade inszenatorisch ist der schon richtig gut, selbst wenn mir der eigentliche Zeichenstil persönlich nicht zusagt, aber all diese Lobeshymnen, die es sonst so gibt, bekommt der „Splitter Verlag“ von mir diesmal nicht. Aber immerhin ein dickes Dankeschön für das Rezensionsexemplar ;-)
Fazit: „Auf den Hund gekommen“ (Link) ist ein ebenso brutaler wie schwarzhumoriger Noir-Thriller, der bei aller Spannung doch ein wenig zu edgy die Bösewichtin verklärt. Trotzdem waren das 120 sehr spannende Seiten, also können Genre-Fans bedenkenlos zugreifen.
