Zu Alexis Nolent a.k.a. Matz muss ich eigentlich nichts mehr schreiben, oder? Der Franzose haut einen 1-Unterwelt-Mann-gegen-den-Rest-der-Unterwelt-Thriller nach dem anderen raus – Und das so erfolgreich, dass seine Trilogie „Blei im Schädel“ sogar mit Sylvester Stallone & Jason Mamoa verfilmt wurde. Okay, das muss nicht zwangsläufig ein Qualitätsmerkmal sein, aber man muss ihm einfach zugestehen, dass seine Geschichten – bei all ihren Genre-bedingten Ähnlichkeiten – doch überraschend lang im Kopf bleiben. Und so bin ich noch immer begeistert vom vor drei Jahren erschienenen Mafia-Kronzeugen-Thriller „Die Schlange und der Kojote“ (Link), welche sich nun mit „Der Schatz der Geisterstadt“ überschneidet. Dabei muss man den Quasi-Vorgänger nicht kennen, ein anerkennendes „Hat der Matz nicht wirklich gemacht?!“ wird einem das „Insider-Wissen“ dann aber doch entlocken. Aber gut, genug der Vorrede, starten wir doch mal direkt rein...
1970, irgendwo in einer verfallenen Geisterstadt im tiefsten New Mexiko, suchen Chuck und seine Freundin Kat nach einem Schatz. Den hat Chuck vor langer Zeit dort vergraben, doch nachdem er sich selten dämlich angestellt hat (und damit ist er im Verlauf des 120 Seiten dicken Comics nicht alleine), durfte er erst einmal für fünf Jahre in den Knast. Nun wartet also Reichtum auf das frisch wiedervereinte Pärchen... Oder auch nicht, denn der Schatz ist weg! Lediglich ein ziemlich durchgedrehter Einsiedler bewacht die Geisterstadt noch, selbst auf der Suche nach einem Schatz, nur halt nicht den von Chuck. Und immerhin kann er soweit weiterhelfen, dass er halbwegs genau beschreiben kann, wie einer der „Schatzräuber“ aussieht – Und zwar verdächtig ähnlich wie Chucks Zellengenosse, dem er sein Geheimnis anvertraute.
Und das ist dann der Grundstein für ein wendungsreiches Hin-und-Her zwischen den verschiedenen prota- und antagonistischen Figuren dieses bleihaltigen Thrillers, bei dem so ziemlich jede Figur zwischendrin mindestens einmal die Seiten wechselt. Aber, und hier ist Matz ein Meister seines Fachs, all diese Plot-Twists und wechselnden Allianzen wirken nie gewollt, sondern sie wachsen organisch aus einer Figurenkonstellation, bei der jede und jeder ein eigenes Süppchen kocht. Und das liest sich ungemein spannend, was auch deshalb so eine hohe Kunst ist, weil wirklich jede Person in dieser Geschichte – vom kriminellen Pärchen Chuck & Kat bis hin zur kleinsten Nebenfigur – durchweg unsympathisch charakterisiert wird. Und doch drücke ich, ebenfalls mit wechselnden emotionalen Bindungen, zu jedem Zeitpunkt irgendeiner Person die Daumen, damit sie irgendwie aus diesem Schlamassel rauskommt...
Neben der tollen Geschichte mit einem konsequenten und dabei ausgesprochen charaktertreuen Ende gibt es auch wieder sehr atmosphärische Zeichnungen von Philippe Xavier, sodass man hier mit Fug und Recht behaupten kann, dass der „Splitter Verlag“ (der mir dankenswerterweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte) hier ein absolutes Dreamteam gefunden hat, von dem ich hoffe, dass es noch ganz viele Geschichten auch gerne genau in diesem „Die Schlange und der Kojote“-Universum herausbringen wird.
Fazit: „Der Schatz der Geisterstadt“ (Link) gefällt mit in seiner Konsequenz und Unvorhersehbarkeit sogar noch etwas besser als der Quasi-Vorgänger, sodass ich hier eine eindeutige Empfehlung aussprechen möchte.
