„Wer sein Hobby zum Beruf macht, muss nie wieder arbeiten...“ – Wenn man diesem Spruch glaubt, müsste ich eigentlich meinen Brotjob an den Nagel hängen (den ich ziemlich hasse, indem ich wider Erwarten aber auch ziemlich gut bin) und der fixen Idee meiner späten Jugend folgen. Da wollte ich nämlich die Schule schmeißen und Koch werden. Vermutlich war es am Ende die richtige Entscheidung, doch erstmal das Abitur zu machen und dann einen „sichereren“ Job zu wählen, aber Kochen ist noch immer mein großes Hobby. Ja, ich blogge, podcaste & rollenspiele noch viel lieber, aber effektiv verbringe ich 90 % meiner Freizeit eben mit Kochen und nicht mit Nerd-Kram. Schade eigentlich. Aber um mich soll es auch gar nicht gehen, sondern um den Millionärssohn Ulysse und seinen Meisterkoch/Ziehvater Cyrano, die in der gleichnamigen Graphic Novel über 176 Seiten hinweg aus den ihnen vorgegebenen Lebenspfaden ausbrechen.
Die Geschichte beginnt mit Cyrano, einem vielfach ausgezeichneten Sternekoch, der aus Wut über die Niederlage bei einem Kochwettbewerb (ausgerechnet gegen seinen innovationsfreudigen Schüler) direkt mal sein Restaurant anzündet und sich in ein misanthropisches Einsiedlerleben zurückzieht. Damit spiegelt sich sein Leben fast schon mit dem jugendlichen Industriellensohn Ulysse, der kurz vor dem Abitur von seinem Vater unter Druck gesetzt wird, damit er der Jahrgangsbeste wird. Nur ist Ulysse nicht so sehr an den MINT-Fächern interessiert, sondern an Kunst und Kultur – Da wirkt es wie eine Befreiung, als er zusammen mit seiner unter Essstörungen leidenden Mutter aufs Land geschickt wird, weil der Vater einen Wirtschaftsskandal überstehen muss. Auch dort lässt er sich aber vom „echten“ Leben ablenken, weswegen er letztlich von Cyrano aus dem Fluss gerettet und anschließend verköstigt werden muss. Und eben jene Verköstigung ist ein lebensveränderndes Ereignis, denn Ulysse entdeckt, dass sehr gutes Essen seine Mutter zumindest ein paar freudvolle Bissen abringen kann. Grund genug, die Abiturpläne über den Haufen zu werfen, um bei Cyrano in die Lehre zu gehen. Aber es kommt, wie es eben kommen muss, natürlich fliegt Ulysses „Doppelleben“ auf, sodass seine Teilnahme an einem Spitzenkoch-Lehrlingswettbewerb letztlich über seinen weiteren Lebensweg entscheidet...
„Ulysse und Cyrano“ hat, wenn überhaupt einen einzigen großen Kritikpunkt: Vorhersehbarkeit! Diese 176 Seiten voller wunderschön warm kolorierter Illustrationen sind vollgestopft mit der typischen Disney-Heldenreise-Dramaturgie, sodass man zu keinem Zeitpunkt auch nur einen winzigen Zweifel daran hat, wie die in drei Akte aufgeteilte Geschichte verlaufen wird. Aber guter Genre-Lesespaß besteht manchmal aus mehr als nur Klischees & Konventionen, genauso wie ein gutes Gericht mehr ist als die Summe seiner einzelnen Zutaten. Und so ist es auch hier. Obwohl man weiß, was passieren wird, fiebert man bis zum Ende mit. Das liegt einerseits daran, dass die Figuren allesamt ausreichend genug charakterisiert sind, damit man ihre Handlungen nachvollzieht, und das liegt andererseits daran, dass das gesamte Werk – von den Zeichnungen über die Heldenreise bis hin zu den Bonusrezepten – einfach eine durch und durch wohlige, ja fast schon cozy Atmosphäre ausstrahlt. Man liest „Ulysse und Cyrano“ und bekommt ganz automatisch richtig gute Laune und richtig viel Bock, endlich mal selber wieder den Kochlöffel zu schwingen. Und das ist beeindruckend, weshalb ich das im „Splitter Verlag“ (der mir dankenswerterweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte) erschienene Hardcover jedem Fan von cozy Comics im Speziellen und gutem Essen im Allgemeinen eindringlich ans Herz lege.
Fazit: Gutes Essen hält Leib und Seele zusammen, und auch wenn „Ulysse und Cyrano“ (Link) nicht den Magen füllt, ist es doch eine wahre Wohltat für die Seele.
