Na, hast du auch schon mal überlegt, ob deiner Langzeitbeziehung nicht das Feuer fehlt? Und ob die Flucht in eine Affäre oder gar neue Liebesbeziehung mit einer neuen, jüngeren, knackigeren Person nicht viel einfacher und zugleich spaßiger wäre als der harte Beziehungsalltag? Falls ja, oder auch falls nein, könnte „Die Versuchung“ der genau richtige Comic für dich sein. Denn dieser ist zwar wieder mal „Splitternackt“ (also im Schmuddel-Imprint des doch eigentlich so seriösen „Splitter Verlags“ erschienen), aber irgendwie doch gar nicht mal so uninteressant. Und doch macht er mich so ratlos, wie ich es schon lange nicht mehr war...
Gérard und Françoise, beide Anfang 50, haben ihre besten Beziehungstage schon hinter sich. Aber hey, es könnte beruflich und familiär auch schlechter laufen, also lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach. Beim obligatorischen Familienurlaub, das erste Mal ohne die nun erwachsene Tochter, lernen sie die junge Fréderique und ihren Freund Mathieu kennen, die ein junges, von allen sozialen Normen freies und vor allen ungezügeltes Leben genießen. Rasch freunden sich die Paare an, sodass gerade bei Fréderique und Mathieu rasch alle Hemmungen fallen. Erst schauen Gérard und Françoise nur fasziniert zu, dann lassen sie sich immer mehr von ihrer Ekstase treiben...
Bis hierhin ist auch alles gut, es wird halt ein wenig zwischen den beiden Pärchen hin und her geswingt, so fasst der „Splitter Verlag“ (der mir dankenswerterweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte) auch die Geschichte zusammen. Doch dann passiert das Ungeheuerliche: Fréderique und Gérard verlieben sich ineinander, weshalb ihre jeweiligen Beziehungen zerbrechen. Françoise zieht sich als betrogene Ehefrau zurück zu ihrer Tochter, Gérard dagegen bumst Fréderique, als wäre er wieder zwanzig Jahre jung. Und auch wenn sie weiter ihren unkonventionellen Lebensstil beibehält (inklusive wild in den Wald kacken – und ja, das wird genau so gezeigt), kann sich Gérard nicht mehr von ihr lösen, selbst als er in sein bürgerliches Großstadtleben zurückkehrt.
Damit habe ich nun zwar die ganze Geschichte gespoilert, aber bei einem „Splitternackt“-Comic geht es ja eh nie um die Geschichte an sich, sondern vor allem um die (in diesem Fall überaus hübsch gezeichnete) Darstellung von allen möglichen Liebesakten Hier wird gelutscht, geleckt und gespritzt, als ob es kein Morgen gibt, und das ist prinzipiell (wie gesagt, bezogen auf den Fokus des Imprints) auch überhaupt kein Problem. Aber hinter all den Bumsereien fällt die Geschichte plötzlich komplett hinten herunter – Und das ist mehr als ärgerlich, war sie doch zuvor überaus interessant. Der Umgang von Gérard und Françoise mit der offensiven Freizügigkeit von Fréderique und die damit einhergehenden Implikationen für ihre eigene Beziehungsdynamik sind durchaus interessant, da hätte man so viel mehr draus machen können. Doch stattdessen wird quasi über Nacht neu verliebt, dann wird sehr viel gebumst, und am Ende gibt es eine Art Aussprache zwischen den Bald-Geschiedenen. Eine Aussprache, die auch wieder interessant ist, denn Françoise legt den Finger in die Wunde. Doch was ist das Ergebnis? Gibt es vielleicht eine Moral oder eine Katharsis? Stattdessen das große Nichts! Gérard guckt bedröppelt, geht dann aber doch wieder zurück zu Fréderique. Ende... Und das ärgert mich ungemein, denn hier wäre so viel Potential für Drama und Charakterentwicklung gewesen. Ja, der Comic hat nur 64 Seiten, und ja, die Zielgruppe viel hübsche Körper beim Rumbumsen sehen, aber unter dieser Erotik-Oberfläche (und ja, die Zeichnungen sind explizit, aber gehören doch zu den erotischten Vertretern der „Splitternackt“-Bände) steckt eine echte, spannende, tiefgründige Geschichte. Und dass diese Geschichte nicht hervorgeholt wird, obwohl man auf quasi jeder Seite das ungeheure Potential quasi mit den Händen greifen kann, ist beim Lesen ungemein frustrierend.
Fazit: Einerseits ist „Die Versuchung“ (Link) einer der besten und auch erotischten „Splitternackt“-Vertreter der letzten Jahre. Anderseits bin ich von der Geschichte so frustriert wie Gérard von seiner Ehe, denn hier wird so viel Drama-Potential verschenkt, dass ich mehr weinen muss als die betrogene Françoise.
