Denkt man an deutschsprachige Rollenspiel-Klassiker mit einer knallharten Fanbase, dann denkt man an DSA. Oder vielleicht, wenn man etwas nischiger unterwegs ist, an „Midgard“. Aber daneben gibt es noch eine kleine, aber unglaublich engagierte und produktive Community rund um das OSR-Rollenspiel „Dungeonslayers“. Dessen Erfinder Christian Kennig hat nun schon viele Jahre an einem Quasi-Nachfolger gebastelt, welcher nun als massiv schweres Grundregelwerk veröffentlicht wurde. „DARC“, so der Name, bietet – so viel Spoiler sei erlaubt – fast zwei Kilogramm an bester deutscher Rollenspiel-Qualität. Aber hat Christian damit erneut ein Kult-Rollenspiel erschaffen?
Die Fantasy-Welt von „DARC“ war mal ein ganz solider Ort, der technisch sogar schon über das Mittelalter hinausgewachsen war. Doch dann, Zack-Bumm, ergoss sich der Himmelbrand über das Zentrum des Kontinents und machte es zu einer lebensfeindlichen Ödnis. Drumherum entstand die Aschemark, ein durch dicke Ascheschichten ergrauter Landstrich, an dessen vier äußersten Zipfel in den sogenannten Schonladen die letzten paar überlebenden Reiche ein halbwegs normales, aber doch arg entbehrungsreiches Leben fristen. Also kein schöner Ort zum Leben, aber wie es bei düsteren Fantasy-Rollenspielen eben der Fall ist, ein idealer Ort um zu Ruhm, Reichtum und Erfahrungspunkten zu kommen ;-)
Auf 348 farbigen und hübsch designten Seiten hat Christian im Grundregelwerk nun all die Aspekte abgedeckt die man zum Spielen von „DARC“ benötigt. Inhaltlich ist es in fünf Bücher aufgeteilt, beginnend mit den Charakteren sowie deren Erschaffung. Hier kann man sich bereits ordentlich austoben, gibt es doch fünf Kulturen (mehr oder minder klassisch Menschen, Elfe, Zwerge, Halblinge und Oger, alle mit Vor- & Nachteilen) und neun Klassen (von genre-typischen Zauberern & Schurken bis hin zu sehr Setting-spezifischen Rabenmönchen & Flagellanten) zur Auswahl. Wobei nicht jede Kombination möglich ist, so kann etwa ein Oger im Gegensatz zu einem Elfen kein Zauberer werden, dafür aber umgekehrt zum Flagellant, was der Elf nicht kann. Interessant ist dabei, die Welt ist ja eh gerade dem Abgrund nahe, dass nahezu alle Klassen eine gewisse Anlehnung an religiöse Themen haben (z.B. statt „normale“ Ritter gibt es Kreuzritter). Religiöse Konflikte durchziehen generell das Setting, weshalb man beim Lesen dieser fiktiven Fantasy-Welt doch immer relativ deutlich an die „realweltlichen“ Konflikte des 16. & 17 Jahrhunderts denken muss, welche auch vom vom Technologie-Level (Schießpulver!) her gut passen. Das ist eine schöne Abwechslung zu klassischer Mittelalter-Fantasy, obwohl die Welt doch noch nah genug dran ist, dass man sich selbst als Otto-Normal-Durchschnittsspielende rasch in die „DARC“-Spielwelt einfühlen kann.
Klassischer sind da schon die Regeln im zweiten Abschnitt bzw. Buch, bei denen man mit einem W20 auf oder unter einen Zielwert würfelt. Dazu kommen Modifikatoren, Vor- & Nachteile, kritische Erfolge & Patzer, Stress & kritische Verletzungen – Wer einmal irgend ein anderes W20-Rollenspiel gespielt hat, selbst wenn man dort OSR-typisch den Zielwert überwürfeln musste, wird sich hier schnell zurechtfinden. Aber das ist auch gut so, denn warum immer das Rad neu erfinden, wenn es doch so simpel und elegant geht wie bei „DARC“? Dank aller möglichen Fähigkeiten, Eigenschaften, Zauber etc. ist das Spielgefühl dabei trotzdem angenehm komplex-fordernd – Gerade wenn man die taktische Miniaturen-Spielvariante wählt und die Gefechte nicht nur im Kopf, sondern auf einem Hexfeld, einem Karoraster oder gar einer Spiellandschaft (inkl. Maßband) austrägt. Hier hat man fast das Gefühl, als würde man anstatt einem Rollenspiel ein klassisches Tabletop spielen – Ein Gefühl, was durch einen Blick ins Regelwerk noch dadurch verstärkt wird, dass die Bebilderung ausschließlich mit Miniaturen erfolgt. Kein Witz, als ich mein Rezensionsexemplar das erste Mal aufgeschlagen habe und noch nicht richtig wusste, dass „DARC“ ein Rollenspiel ist, habe ich im ersten Moment an ein Tabletop-Regelwerk gedacht. Und zwar ein überaus hübsches, denn Christian zieht hier designtechnisch voll durch und erschafft einen der optisch ansprechendsten Indie-Vertreter der deutschsprachigen Rollenspiel-Landschaft. Denn sind wir ehrlich, lieber Fotos von hübschen Miniaturen anstatt laienhafte Illustrationen oder gar irgendwelcher generischer KI-Dreck :-)
Das dritte Buch befasst sich dann mit Magie in all seinen verschiedenen Ausprägungen, bevor im vierten Buch etwas mehr auf die Spielwelt eingegangen wird. Wobei ich dieses Kapitel etwas knapp finde, denn gut 40 Seiten klingen erst einmal viel, aber die Hälfte davon sind einfach nur Preislisten für Waren & Dienste. Hier darf Christian in zukünftigen Publikationen gerne nachliefern, das Setting ist einfach vielversprechend. Wie wäre es etwa mit einem Roman? Shut up and take my money (oder schick mir wieder ein Rezensionsexemplar), da hab ich voll Bock drauf. Zuletzt folgen im finalen fünften Buch noch gut 150 Seiten mit Informationen für die Spielleitung, wobei hier neben den obligatorischen Tipps & Tricks sowie Gegnerprofilen, einem Einstiegsabenteuer und vielen Sonderregeln auch noch ein klein wenig mehr auf die Spielwelt eingegangen wird... Und dann war es das auch schon. Fast 350 Seiten und fast 2 Kilogramm bestes deutsches Rollenspiel, welches ich dank einem doch sehr übersichtlichen, lockeren Layout und gut geschriebener Texte relativ flott gelesen hatte. Und tatsächlich wuchs mit jedem neuem Abschnitt/Buch und jedem neuen Spielaspekt meine Lust auf eine Runde „DARC“. Wenn ihr also ungefähr den gleichen Spielstil habt wie ich, also beispielsweise eine Vorliebe für taktische Tabletop-Kämpfe, eine halb-klassische-und-halb-ungewöhnliche Fantasy-Welt mit sehr viel grauer Farbe (nicht nur, aber auch wegen der Asche) und letztlich auch generell ein Herz für handgemachte Produkte, bei denen man Christians Blut, Schweiß & Tränen spürt, dann seid ihr hier genau richtig!
Fazit: Ja, „DARC: Die Zeit der Asche“ (Link) ist mit 5 Völkern, 9 Klassen, über 100 Fertigkeiten und über 125 Zaubern ein echtes Schwergewicht, welches (ebenso wie der Preis von 69,95 €) auf den ersten Blick abschreckend wirken kann. Aber es ist einfach cool, es ist einfach durchdacht und es ist voller Liebe. Daher eine absolute Kaufempfehlung, wenn ihr auch nur halbwegs so rollenspielt, wie ich rollenspiele ;-)
