In einer Zeit, in der uns ein gestrandeter Buckelwal deutlich mehr emotional bewegt als zugleich hunderte ertrunkene Geflüchtete im Mittelmeer, sind Bücher wie „Vor uns das Meer“ wichtiger denn je. Die preisgekrönte Romanvorlage hat schon ein paar Jahre hinter sich, nun kam aber endlich die Graphic Novel gleichen Namens. Wie immer aus dem „Splitter Verlag“ (der mir dankenswerterweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte), der ja dafür bekannt ist, sich als großer Mainstream-Verlag trotzdem an unbequeme Themen heranzutrauen.
„Vor uns das Meer“ erzählt von der Flucht dreier Jugendlicher aus drei ganz unterschiedlichen Jahrzehnten. Einerseits ist da der junge Jude Josef, dessen Eltern nach der Reichskristallnacht nach Kuba emigrieren müssen. Sein Vater, nach einem halben Jahr aus dem KZ zurückgekehrt und schwerst traumatisiert, ahnt dabei schon voraus, dass sie dort keinen Frieden finden werden. Aus Kuba wiederum will 1994 das Mädchen Isabel mitsamt ihrer Familie fliehen, da eine Hungersnot das eh schon verarmte Land weiter in den Abgrund reißt. Zuletzt versucht 2015 die syrische Familie von Mahmoud dem Bürgerkrieg zu entfliehen.
Allen drei Geschichten sind miteinander verwoben, sowohl inhaltlich (Spoiler: Einzelne Figuren tauchen auch in anderen Geschichten auf) als auch dramatisch. Denn immer wieder wechseln sich die Episoden der einzelnen Handlungsstränge ab, um dabei zugleich immer bei einer ähnlichen Dramaturgie zu wechseln. Gerät also Person A in Lebensgefahr, kann man davon ausgehen, dass dies auch gleich bei Person B und C passieren wird. Das ist aber prinzipiell nicht schlimm, verdeutlicht es doch zugleich, wie sehr sich die Fluchtgeschichten ähneln. Da ist narrativ auch sehr clever, dass sich die Länder überschneiden: 1939 geht es um die Flucht aus Deutschland nach Kuba, welches dann 1994 hinter sich gelassen wird, während 2015 zuletzt Deutschland das Ziel der Flucht ist.
Ebenso weiß die Graphic Novel grafisch zu überzeugen, auch wenn die etwas groben Figuren und die manchmal einfache Kolorierung nicht jeden Geschmack treffen wird. Der Zeichner Syd Fini schafft es aber problemlos die richtige Stimmung zu erzeugen, sodass „Vor uns das Meer“ trotz des schweren Themas ein großer Lesegenuss ist. Also Daumen hoch, das gibt ein positives...
Fazit: Kein Wunder, dass die Romanvorlage ein Bestseller war, denn „Vor uns das Meer“ (Link) ist wirklich gut geworden. Dicke Empfehlung!
