Neben Manara und Axel gehört Di Caro zu den bisher am häufigsten im „Splitternackt“-Imprint publizierten Künstlern des „Splitter Verlags“ (der mir trotz meiner vielen Verrisse immer noch dankenswerterweise Rezensionsexemplare schickt, das ist echt stark von euch!). Und während der eine zwar Kult ist, aber misogynen Mist produziert, und der andere gern mal das ernste Thema Midlife-Crisis in frivolen Sex verpackt, zeichnet sich Di Caro besonders durch seine Ambitionen aus. Ja, das sind immer noch Erotik-Comics, hier sind die Frauen billig und willig und vor allem aber in Rekordzeit zum Höhepunkt kommend. Jedoch versucht der Szenarist & Zeichner wenigstens irgendeinen kulturellen Mehrwert zu schaffen, auch wenn er sich regelmäßig an einem Mischmasch verschiedenster Genres und schwerer Themen verhebt. Aber hey, immerhin Respekt für den Versuch, und so war ich dann doch sehr gespannt auf den Abschlussband der „Die süßeste aller Früchte“-Dilogie.
Wir erinnern uns, hier werden zwar so schwierige Themen wie PTBS, Rassismus, (Mafia-)Kriminalität, übernatürliche Erscheinungen und plumpe Eifersucht thematisiert, aber die sind auch nur ein Vehikel für zahllose Sexszenen in einem US-Klischee-Kleinstädtchen der 50er Jahre. Aber mal ganz von vorn: Sweetville richtet jedes Jahr einen Obstwettbewerb um die titelgebende süßeste aller Früchte aus. Zwei alte Bauern, früher in einem Liebesdreieck gefangen, wetteifern immer wieder erbittert um den Sieg, wobei Ronald nach Punkten hinten liegt. Aber dann kommt eine übernatürliche nackte Frau (Alien? Geist? Egal!), squirtet einmal über seinen Obstbaum, und die Sache läuft – zumindest, wenn er die Früchte für sieben Tage nicht anrührt. Also passiert, was passieren muss, denn durch Zufälle aller Art kommen immer mal wieder Ortsansässige vorbei, um sich an den Früchten zu verköstigen. Wobei das bedeutet, dass sie mit den Früchten, die ihnen aber als wohlproportionierte Geister erscheinen, ausführlich Unzucht betreiben – ja, dieser Comic ist ambitioniert, vor allem ist er aber crazy Shit!
Daneben gibt es noch kleinere Nebenhandlungen, beispielsweise einen von der Mafia verfolgten Reporter, der eine reiche Witwe ausnehmen will; eine von Eifersucht zerfressene Ehefrau, welche ausgerechnet mit der Sekretärin eine Affäre beginnt, die sie als Geliebte ihres Mannes vermutet; einen Künstler, dessen Anbandelung mit der PoC-Putzfrau der rassistischen Polizei ein Dorn im Auge ist und eine Dorfmatratze, die alle ranlässt, außer genau den netten Typen, der sie als einziger wirklich liebt. Und Mord & Totschlag gibt es natürlich auch noch - das ist alles kaum mehr als Seifenoper-Niveau, aber es wirkt bei gerade mal 64 Seiten doch überladen, weil die entsprechenden Sexszenen ja auch noch zusätzlichen Raum einnehmen. Und dadurch wirkt dieser Band unrund, weil sich die verschiedenen Elemente und auch zu vielen Hauptfiguren gegenseitig den Raum wegnehmen. Das ist ärgerlich, mindert es doch die Freude an der Grundidee (einem nach außen hin biederen, konservativen Kleinstadt-Setting, welches bereits heimlich die sexuelle Befreiung zelebriert) und besonders an den Zeichnungen, welche sehr atmosphärisch die 50er Jahre zelebrieren. Hier hat Gabriele Di Caro also wieder mal viel zu viel gewollt. Schade!
Fazit: „Die süßeste aller Früchte #2“ (Link) sieht gut aus und hat eine charmante Grundidee, stolpert am Ende aber wieder über die Ambitionen des Autors. Man möchte ihn schütteln und zurufen „Weniger ist mehr“!
