Bei Urban Fantasy denkt man ja oft erst an so klassische Konstellationen wie Ermittelnde, die in der „realen“ Welt heimlich gegen Geister und Monster kämpfen – wie zuletzt bei der „Schattengesellschaft“ (Link) – oder an Hexen, die zu Halloween oder in der Walpurgisnacht mal ihr bürgerliches Leben verlassen. Und tatsächlich ist die zweitgenannte Assoziation dann gar nicht so weit weg von der Geschichte des immerhin 168 Seiten dicken Comics „Das letzte Haus am Rand des Waldes“, in dem die Suche des entstellten Postboten Pierrot nach der großen Liebe zu immer neuen und immer tödlicheren Verwicklungen führt.
 

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Der Postbote Pierrot hat ein Problem: Frauen wollen absolut nichts von ihm wissen! Aber warum? Er ist doch der geilste Typ von ganz Frankreich, vielleicht sogar von der ganzen Welt! Es könnte vielleicht daran liegen, dass nur er selbst sich wunderschön findet, denn in Wirklichkeit ist er durch sein Gebiss ziemlich entstellt. Und so ist seine einzige Hoffnung die Dessous-Schaufensterpuppe Lola, welche er jeden Abend in der großen Hoffnung anschmachtet, dass sie lebendig wird... Und das ist gar nicht so unwahrscheinlich, denn (und das erfahren wir hier erst etwas später) seine Mutter ist eine ebenso fiese wie auch frustrierte Hexe, die tatsächlich Dinge zum Leben erwecken kann. Und so sieht Pierrot eines Tages seine geliebte Lola aus Fleisch und Blut in der Straßenbahn sitzen!
 

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Wer glaubt, das wird jetzt eine Romantasy, liegt aber sowas von falsch ;-) Denn Lola ist eigentlich die Sexarbeiterin Mimi, die Pierrots Mutter einbestellt hat, um vor den Augen ihres hilflosen Ehemanns lesbische Spielchen auszuprobieren. Und zwar nur, um ihn zu quälen, denn wegen seiner notorischen Fremdgeherei wurde er in eine penislose Steinbüste verwandelt! Aber es wird noch abstruser, denn weil Pierrot sich zwar ziemlich geil findet, aber niemand ihn, bekam er auch noch eine ganze Schar an (mitunter ziemlich rassistisch codierten) Bediensteten herbeigehext. Die klischeehaft-rassistisch gezeichnetste Dienerin (die so wirklich aus einem 20-30er Jahre Comic kommen könnte) ist dabei Hardcore eifersüchtig auf Mimi, weil Pierrot ja Lola geil findet und darüber vergisst, dass er eben jene Dienerin einst geschwängert hatte. Oder er hat es nicht vergessen und der Autor Jean-Blaise Dijan hat in diesem erzählerischen Kuddelmuddel einfach irgendwann einen neuen Plotpoint aus dem Hut gezaubert, um dieses Durcheinander aus leider oft sehr unlustigen Geschmacklosigkeiten irgendwie zu retten... Da beobachtet Pierrot seine Mutter & Mimi heimlich beim Sex, es werden zahllose Unbeteiligte (z.B. Polizisten, die einfach nur ihren Job machen) von Mörderpflanzen gefressen, ein warum auch immer Plot-relevanter Lippenstift wird gestohlen und irgendwann gehen die Hexenmutter und Mimi gemeinsam auf die Jagd, um die herbeigezauberten Bediensteten abzuknallen... Aber am Ende wird doch alles gut, weil Liebe und so ;-)
 

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„Das letzte Haus am Rand des Waldes“ ist leider ganz großer Quatsch. Und ich weiß ernsthaft nicht, was ich davon halten soll. Ach was, ich weiß noch nicht einmal, ob ich diese chaotische Geschichte überhaupt halbwegs nachvollziehbar zusammengefasst habe. Denn irgendwie wirkt das wie eine Aneinanderreihung von verschiedenen unlustigen Comedy-Kurzgeschichten, die nur vom übergeordneten Schauplatz des Hexenhauses zusammengehalten werden. Und nun ist es nicht so, als würde ich mich nicht für Quatsch begeistern können – Belege dafür findet ihr hier im Blog und auch im Podcast zuhauf – aber dann muss dieser Quatsch halt wirklich lustig sein und nicht zynisch und menschenverachtend. Hier ist es aber so, dass ein bemüht wirkendes Zuckerguss-Finale eben nochmal einen draufsetzt, weil all die schlimmen Dinge (wie viele geplante oder durchgeführte Morde haben wir jetzt gesehen, weil der Autor glaubt, das würde uns zum Lachen bringen?) komplett negiert werden durch plötzliche Familienliebe. Und ja, das ist natürlich auf der Meta-Ebene eine nette Botschaft, aber Hitler hatte ja auch einen Schäferhund... Ihr fandet diesen Vergleich unpassend? Perfekt, dann habt ihr noch einen funktionierenden Moral-Kompass und seid absolut nicht die Zielgruppe vom „Splitter Verlag“, der mir mutig ein Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte.

Fazit: Also ich will euch „Das letzte Haus am Rand des Waldes“ (Link) nicht madig machen, dafür sieht der Comic doch zu nett aus und ein paar Witze zünden auch, aber insgesamt ist das erzählerisch halt eine riesige Katastrophe. Hier hätte sich unbedingt nochmal ein Story-Doktor dransetzen müssen, um aus den chaotischen Versatzstücken eine vernünftige Comic-Comedy zu schreiben. Schade! Vielleicht sogar das größte „Schade!“ dieses Herbstes!

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