Okay, diesmal beginne ich nicht wieder mit der Feststellung, dass die Selfpublishing-Spielbücher vom Ehepaar Riedel für mich die DIE Rollenspiel-Überraschungen der letzten Jahre waren. Das kann man in meinen bisher drei (die Fantasy-Würfelorgie „Monsterjäger Legacy“ (Link) mitgerechnet sogar vier) Rezensionen (Link) immer wieder lesen. Nein, stattdessen beginne ich diesmal mit meiner aufrichtigen Bewunderung, denn was die Riedels neben ihrer Reisebloggei und dem Extrem-LARPing noch alles so an Spielbuch-Seiten runterschreiben, das ist beeindruckend. Nun ist der vierte „Die Klabauter Chroniken“-Band erschienen, mit 545 Seiten erneut ein dicker Brocken. Die einschlägigen Online-Kritiken waren wieder mal voll des Lobes, also schauen wir mal, ob ich mich da anschließen kann ;-)
Die Klabauter, das ist in der echten Welt eine LARP-Truppe, die ihr Hobby mit ungezügelter Leidenschaft betreibt. Und das ist fast schon eine Untertreibung, wie man in meinen entsprechenden Podcastfolgen (mit Tobias Riedel höchstselbst sowie Seki, der in diesem 4. Band quasi der Haupt-Nebencharakter wird, Link) nachhören kann. Deren Erlebnisse werden dann, gern auch mal ein wenig dramatisiert, als Solo-Spielbuch verschriftlicht. Wobei, denen würde ich auch zutrauen, dass sie irgendwo einen echten Monster-Kraken herholen ;-)
Aber ich greife vor, beginnen wir mal ganz am Anfang. Oder aber ganz unten, denn in „Verflucht für Kupfer“ wird wieder einmal eine Geschichte rund um den Aufstieg in die Klabauter-Gemeinschaft erzählt. Diesmal verkörpert man einen zu Unrecht des Mordes angeklagten Strafgefangenen, der im gefährlichen Grenzland Zwangsarbeit verrichten muss. Irgendwann greifen aber „untote“ Krieger an, sodass die Gelegenheit zur Flucht besteht, die am Ende auf einem Klabauter-Schiff endet. Die sind gerade oben auf, haben sie durch einen Formfehler quasi einen Piraten-Freifahrtschein bekommen, sodass sie in der Piraten-Metropole Tortuga erstmal ordentlich die Sau rauslassen. Irgendwann ruft aber doch die Pflicht (und hier kommt dann auch der Monster-Kraken vorbei), bevor die Untoten vom Anfang ihre Rache wollen. Das war es dann auch schon, aber wenn man das alles überlebt hat und sich durch erfolgreiche Nebenquests einen guten Ruf erarbeitete, dann darf man am Ende selbst ein echter Klabauter sein. Ende.
Nun ist es ein wenig her, dass ich die bisherigen drei Bände gespielt habe, aber gefühlt bietet „Verflucht in Kupfer“ die dünnste Geschichte. Es gibt so einen leichten narrativen Rahmen mit den Untoten, aber im Prinzip hangelt man sich in den drei Kapiteln von Mini- & Nebenquest zu Mini- & Nebenquest. Was einerseits zwar ein Kritikpunkt ist, andererseits aber auch nicht. Denn diese oft kleinen und manchmal auch größeren Erlebnisse versprühen ein Piraten-Flair, welches ich seit dem ersten Band nicht mehr gespürt habe. Die Fantasy-Aspekte mal beiseite genommen, ist dieser vierte Band sogar derjenige, der sich am allermeisten „authentisch“ danach anfühlt, wie wohl so das Leben eines Jungmatrosen gewesen sein muss. Und Spoiler, teilweise gar nicht mal so gut, denn die nächste (mitunter tödliche) Rauferei oder Intrige ist nur einen Spielbuchabschnitt entfernt.
Davon gibt es übrigens 331 Stück, also im Verhältnis zu 545 Buchseiten recht wenig. Was aber auch kein Kritikpunkt ist, denn dafür sind diese Abschnitte teilweise sehr ausführlich und atmosphärisch in ihren Beschreibungen. Das hat mir als Leser sehr gut geholfen mich in diese Welt hineinzuversetzen. Einzig gestört hat mich lediglich das exzessive Namedropping. Ja, die Geschichte basiert auf echten LARP-Abenteuern und ja, jede und jeder da draußen will sein Spotlight haben. Aber manchmal hatte ich das Gefühl, dass Nebenfiguren nur auftauchten, damit sie halt mal aufgetaucht sind. Dies ist nur ein kleiner Kritikpunkt, aber er soll nicht unerwähnt bleiben, denn bei so vielen Nebenfiguren bleibt deren Charakterisierung natürlich auf der Strecke. Ebenso wie die Charakterisierung der Spielfigur, denn ich musste dann doch etwas skeptisch die Augenbraue hochziehen, weil man erst zu Unrecht des Mordes verdächtigt wird und dann aber ziemlich rasch bei den Klabautern mitmordet. Ja, es trifft sicherlich nicht die falschen Leute, aber Mord ist Mord ;-)
Spielmechanisch hat sich auch diesmal nicht viel geändert, man würfelt wieder mit einem W20 sowohl im Angriff als auch in der Verteidigung gegen einen Zielwert, den es zu unterbieten gilt. Dann wird der Schaden mit einem sechsseitigen Würfel plus Bonus minus Rüstung ermittelt, den man von den Lebenspunkten abzieht. Ist man bei 0, ist man tot, und das kann zumindest beim ausartenden Endkampf recht zügig passieren. Die ganzen Abschnitte davor wird dagegen eher wenig gekämpft (oder ich hab einfach immer genau die richtigen/falschen Entscheidungen getroffen?), wobei die Wahl des falschen Spielbuch-Abschnittes dann trotzdem zum Tot führen kann. Bei meinem Testdurchgang passierte es dabei lediglich einmal, dass ich „ohne Vorwarnung“ starb, denn normalerweise musste man schon ziemlich dumme Entscheidungen treffen oder eine der seltenen W20-Würfelproben (spielmechanisch Angriffswürfe) verpatzen. Wobei ich hier nicht ausschließen möchte, dass ich irgendwo einen Hinweis übersehen habe, denn trotz „nur“ 331 Abschnitten ist die Geschichte doch so verzweigt, dass man selbst bei zwei- oder dreimaligem Durchspielen noch gänzlich andere Spielerfahrungen durchlebt.
Von der Präsentation her, sowohl vom Text als auch von der grafischen Aufmachung (KI-Bilder, falls das jemanden stört) und dem Layout, fügt sich „Verflucht für Kupfer“ dabei gut in das Gesamtwerk der Riedels (die mir dankenswerter ein Rezensionsexemplar zur Verfügung stellten) ein. Aufgefallen ist mir allerdings, dass das Titelbild diesmal deutlich verpixelt war. Zudem fanden sich überraschend viele Korrektoratsfehler – Nichts, was sich nicht auch bei größeren Spielbuch-Verlagen in den Texten findet, aber im Verhältnis zum Rest der Reihe doch merklich mehr. Schade, denn das trübt ein wenig den eigentlich richtig guten Gesamteindruck. Denn, und das ist mein Fazit, „Die Klabauter Choniken: Verflucht für Kupfer“ (Link) bietet zwar die dünnste Geschichte, dafür aber auch den meisten Piraten-Flair. Trotz meiner Kritikpunkte würde ich sogar behaupten, dass dies der zweitbeste Band der Reihe ist.
