Das erste Rollenspiel, das ich mir jemals gekauft habe, war „Shadowrun“. Das erste Rollenspiel, welches auf meinem SuB (Stapel ungelesener Bücher) landete, war „Shadowrun“ – Denn ganz ehrlich, rund 500 Seiten waren mir als Hobby-Neuling damals doch zu viel und zu kompliziert... Ob sich das wohl auch Sebastian „Seba“ Hahn gedacht hat? Denn der aktuelle Shooting-Star der deutschen OSR-Indie-Szene (u.a. für das grandiose „Mini D20“ (Link) und seine Beiträge für Kritischer-Fehlschlag.de) hat nun auch eine auf gerade mal 30 Seiten eingedampfte Variante einer W6-basierten Fantasy-SciFi-Dystopie entwickelt. Und das ist richtig gut geworden!
„Slumdogs“, so der Titel des Regelheftchens, enthält auf eben jenen 30 Seiten wirklich alles, was man zum Spielen in einem Cyberpunk-Setting benötigt. Wobei man sich das Setting selbst ausdenken beziehungsweise adaptieren muss (klar, „Shadowrun“ bietet sich an, aber „Cyberpunk 2077“ ist auch problemlos machbar), denn damit hält sich Seba nicht groß aus. Man startet direkt rein mit drei Seiten Grundregeln (W6-Würfelpool aus Attribut & Fertigkeit gegen Zielwert, wobei 5+6 als Erfolge zählen), dann geht es direkt zur Charaktererschaffung (16 Punkte auf die 6 Attribute verteilen, mit der Spezies die Werte modifizieren, Ausrüstung etc. kaufen und dabei nicht cyberwahnsinnig werden, zuletzt noch Vor- & Nachteile). Noch ein paar wenige Sonderregeln für das obligatorische Hacking, dann ist das halbe Heftchen auch schon durchgelesen. Und mal ehrlich, das ging wie in einem Rutsch! Der Charakterbau geht flott von der Hand (die Wahl der richtigen Ausrüstung, Zauber & Booster nahm bei meinen Testcharakteren noch meiste Zeit in Anspruch) und nach zwei, drei Proben hat man auch die Regelmechanik drin. Bis hierhin also ein dickes Lob an Seba.
Die zweite Hälfte befasst sich nun mit dem Entwerfen eines eigenen Settings, wenn man mal nicht die oben genannten Genre-Platzhirsche bespielen will. Natürlich kann dabei ein so dünnes Heftchen nicht in die Tiefe gehen wie ein 200+ Seiten dicker Quellenband, aber für ein stimmiges Abenteuer oder gar eine Mini-Kampagne reicht es allemal. Zudem ist das Cyberpunk-Genre mittlerweile ja populär genug, dass die meisten Spielenden da draußen schon eine grobe Vorstellung haben, was sie dort erwarten wird. Nach einer zweiseitigen Übersicht aller relevanten Setting-Eigenheiten (z.B. Konsumfetischisierung & Hyperkapitalismus) jeweils zwei Seiten mit Beispielen für Konzerne, Gangs und relevante NPCs. Dann folgen noch zwei 5W10-basierte Abenteuergeneratoren (Wer? Will? Wen? Warum? Aber! sowie Wer? Tut? Was? Um? Und dann?) plus vier vorgefertigte Spielcharaktere, schon ist das Heftchen fertig...
Aber braucht man denn mehr? Ich zumindest nicht, denn wenn ich aller paar Monate mal einen Cyberpunk-OneShot leite, dann habe ich hier alles, was ich für einen spaßigen Spieleabend benötige. Sicherlich wären noch ein paar Bilder schön gewesen, aber im Zweifelsfall ist mit der sehr nüchterne „Human Made“-Ansatz lieber als seelenlose KI-Scheiße. Und damit zeigt Seba mit „Slumdogs“ (Link) wieder einmal ganz hervorragend, dass es eben nicht immer Regelmonster und Quellenbuchexzesse benötigt, damit man ein Setting bespielen kann. Ich glaube jedenfalls fest daran, dass der Name Sebastian Hahn in der Zukunft gleichbedeutend neben anderen deutschen Rollenspiel-Größen wie Ulrich Kiesow, Thomas Römer, Mirco Bader und Andrea Rick stehen wird.
PS: Getestet habe ich übrigens die vom „Uhrwerk Verlag“ vertriebene Printversion (Link), die mir vom Autor zur Verfügung gestellt wurde, aber man kann sich auch das Regelwerk plus zahlreiche Abenteuer kostenlos auf dem Kritischer-Fehlschlag-Blog (Link) herunterladen.
