Weihnachtszeit ist Krimispielzeit, zumindest bei mir. Denn wann sonst bekommt man mal genug Familienmitglieder oder Freunde an den Tisch, um sich stundenlang durch komplizierte Mordfälle zu wühlen? Neben allerlei Scharlatanen auf dem zwischen Boom und Übersättigung schwankenden Markt der Krimispiele hat sich der Stuttgarter Spezialverlag „Magnificum“ (der nicht nur in unserer Krimispiel-Podcastfolge (Link) dabei war, sondern netterweise auch ein Rezensionsexemplar rausgerückt hat) zu einer echten Institution gemausert. Zu Recht! 
 

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Ende letzten Jahres erschien ja „Das Familiengeheimnis“, welches sich eher an erfahrene Genre-Fans richtet, die auch mal mehr als vier Stunden herumrätseln wollen. Bis wir diesen Fall lösen (den hat „Magnificum“ nämlich auch noch mitgeschickt) dauert es aber noch ein paar Tage, denn da meine diesmalige Testrunde aus absoluten Krimispiel-Neulingen bestand, haben wir uns erst einmal an den Anfänger-Krimi herangewagt. Und der klang direkt mal sehr vielversprechend, denn es geht um eine reiche Dame, die an einem geselligen Abend mit falschen Freundinnen und potentiellen Erbschleichern vergiftet wird. Also ein begrenzter Schauplatz mit einer übersichtliche Menge an Verdächtigen, das sollten wir doch wohl hinkriegen, oder?

Agneta Hellwig, eine etwas skurrile, aber ziemlich reiche und vor allem ruhmsüchtige Dame, wird mit akuten Vergiftungserscheinungen ins Krankenhaus eingeliefert. Was für ein dramatisches Ende, dabei hatte der Dinner-Abend unter dem Motto „Cleopatras letzte Arie“ so schön angefangen. Geliebte Mitmenschen, hochpreisiges Essen, anspruchsvoller Gesang – So kann man sich das Rentnerdasein doch gutgehen lassen. Aber dann kam halt der Giftanschlag dazwischen, und weil die Polizei im beschaulichen Bremerburgen wie immer auf Hilfe angewiesen ist, ist die Überführung des Täters (m/w/d, weil wir wollen ja niemanden spoilern) die Aufgabe der Spielenden. Und die machen dann halt, was sie in den „Magnificum“-Krimispielen halt so machen, nämlich Beweise sichten, um den Fall mit Indizien zu knacken. Über 30 Dokumente liegen dem Spiel bei, darunter etwa Fotografien, Karten, Flyer und natürlich auch wieder das ausgedruckte Internet. Aber damit nicht genug, denn gefühlt die meiste Arbeit erfolgt tatsächlich online. Beispielsweise hat man Zugriff auf extra für das Spiel angefertigte Webseiten und den digitalen polizeilichen Arbeitsplatz, um sich mit Beweisvideos und Zeugenaussagen zu beschäftigen. Wie immer gilt es dabei auf die kleinsten Details zu achten, denn schnell wird klar, dass die alte Dame gar nicht die liebe Oma ist, die sie vorgibt zu sein.

Spielerisch interessant ist diesmal, dass man nicht von Beginn an über alle Beweise verfügt, sondern dass man sich nach und nach neue Informationen erarbeitet. Beispielsweise besucht man im Verlauf der Ermittlungen das toxikologische Labor, um dort zu erfahren wie das Gift in die alte Dame hineinkam ;-) Oder – und da scheinen die „Magnificum“-Schreiberlinge ein Faible für zu haben, denn bei „Der Brand“ (Link) war das damals auch relevant – man wühlt so lange im Müll, bis man einen Flyer findet, der möglicherweise eine Verbindung zu den geheimen PR-Plänen des Opfers hat... Dieser schrittweise Erkenntnisgewinn macht diesen Fall für Krimispiel-Neulinge erfreulich übersichtlich und strukturiert, da man nicht gleich zu Beginn mit allen Beweismitteln überflutet wird. Und so kamen wir (neben mir zwei absolute Neulinge) dann auch in einem angenehmen Tempo und ohne viel Ratlosigkeit bis ans Ziel, wofür wir knapp 2,5 Stunden brauchten, was schon eher an der Obergrenze des veranschlagten Zeitrahmens ist. Und tatsächlich hingen wir auch kurz an genau der Stelle fest, welche die „Magnificum“-Mitchefs Benni & Jayden im Podcast als den Knackpunkt benannten, an dem die allermeisten Spielenden kurz stocken, weil das Beweispuzzleteil so offensichtlich ist, dass man es einfach übersieht. Aber hey, wir haben es am Ende dann doch ohne Tipps hinbekommen, und sind damit als das Top-Ermittlungsteam von Bremerburgen heim gegangen ;-)
 

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Fazit: „Magnificum“ tut, was „Magnificum“ eben so tut – Tolle Krimispiele veröffentlichen, die logisch aufgebaut sind und die vor allem aus hochwertigem Spielmaterial bestehen. „Das Dinner: Die letzte Arie der alten Dame“ (Link) reiht sich hier qualitativ nahtlos in die „Magnificum“-Reihe ein.