Als wir die Krimispiel-Schreiberlinge von „Magnificum“ letztens im Podcast zu Gast (Link) hatten, erzählten sie (teils auch nach der Aufnahme), wie ambitioniert, wie knifflig und auch wie lang ihr neustes Werk „Das Familiengeheimnis: Zwei Tote im Hause Bouchard“ sei – Und dass sie den Fall schon deutlich gekürzt haben und trotzdem noch 4,5 Stunden Spielzeit veranschlagen... Und auf der Verpackung prangt auch nochmal extra der Hinweis, dass dies nun der schwerste Fall des Verlags sei! Na schauen wir mal, ob ich mich da trotzdem durchbeißen konnte ;-)
In der Villa der französischen Parfum-Dynastie Bouchard wurde ein Doppelmord verübt! Der älteste Sohn der Familie, der gerade erst zum neuen Geschäftsinhaber aufstieg, wurde vergiftet. Und quasi zeitgleich fiel die Verlobte des zweiten Sohns einem Messerangriff zum Opfer. Und das, wo sich die von immer und immer neuen Skandalen erschütterte, zeitweilig auseinandergebrochene Familie erst langsam wieder annäherte... Die lokale Polizei ist mit so einem komplexen Fall überfordert, also müssen die 1 – 6 Spielenden nun zur Hilfe eilen, um folgende vier Fragen zu beantworten:
Wer hat Louis Bouchard getötet?
Wer hat Marie Moreau getötet?
Was war das Motiv am Mord an Marie?
Wer sind die 3 Personen, die über das Smart Home System nachts im Untergeschoss erfasst wurden?
Fragen, die teilweise überraschend simpel zu beantworten sind! Also ehrlich, dafür, dass das hier der schwerste Fall sein soll, ist zumindest die Auflösung der Mordfälle (also der ersten beiden Fragen) krass einfach. Einfach zwei, drei Beweise und/oder Aussagen miteinander verknüpfen, schon hat man den/die Täter (m/w/d, wir wollen ja niemanden spoilern) dingfest gemacht – Also zumindest im spielerischen Sinn, denn im „realen“ Leben, mit einem halbwegs guten Rechtsbeistand, wird das vor Gericht mit der Verurteilung dann doch nicht so einfach... Die letzte Frage ist dann wieder das Genre-typische Zuordnen von Personen zu bestimmten Orten, was sicherlich nicht die innovativste Spielmechanik ist, aber wie immer für kniffligen Rätselspaß sorgt. Und dann gibt es noch die dritte Frage nach dem Motiv. Und auf die läuft die Geschichte am Ende hinaus, denn die aktuellen und vergangenen Eskapaden der Dynastie sind der Dreh- & Angelpunkt dieses Kriminalfalls. Dadurch wirkt „Das Familiengeheimnis“ am Ende fast schon wie der Netflix-Film „Glass Onion: A Knives Out Mysters“ – Etwas überdreht und weit hergeholt, aber doch irgendwie unterhaltsam. Wobei man hier dann etwas um die Ecke denken muss, um das Mordmotiv zu konstruieren. Ich glaube tatsächlich, dass die Beantwortung dieser Frage der eigentliche Treiber des Schwierigkeitsgrades ist, denn die Fragen 1 & 2 sind leicht zu beantworten und Frage 4 ist eher typische Krimispiel-Fleißarbeit.
Zeitlich war ich bei der Lösung des Falls an der veranschlagten Untergrenze von 2,5 Stunden. Dabei verging die Zeit wie im Flug, denn „Das Familiengeheimnis“ hat einen sehr angenehmen Spielfluss, der bei der Sichtung der 28 gedruckten Beweismittel (in typischer „Magnificum“-Qualität, also auch mit unterschiedlichen, jeweils passenden Papiersorten) für immer neue Erkenntnisgewinne sorgt. Dazu kommen nochmal ungefähr zwanzig verschiedene digitale Beweise (z.B. Tonaufnahmen und Videos), deren Sichtung und Einordnung letztlich einen Großteil der Spielzeit ausmacht. Ärgerlich ist hierbei, dass die Qualität der Tonaufnahmen zwar solide ist, „solide“ aber für „Magnificum“-Verhältnisse als enttäuschend angesehen werden kann. Hier hat der Stuttgarter Krimispiel-Fachverlag, der mir übrigens wieder ein Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte, schon deutlich besser abgeliefert. Schade. Das soll nun aber nicht das Gesamtergebnis nach unten ziehen, aber es gibt trotzdem nur ein gemischtes...
Fazit: „Das Familiengeheimnis: Zwei Tote im Hause Bouchard“ (Link) ist, sowohl was die Spielmechanik als auch den Spielfluss angeht, wieder ein typisches „Magnificum“-Krimispiel. Irgendwie bin ich dann aber doch nicht ganz so gehyped wie sonst, was vermutlich primär daran liegt, dass die anderen Fälle so gut (und juristisch wasserfester?) sind. Vielleicht ist das hier sogar der bisher schlechteste Fall, den ich von „Magnificum“ gespielt habe, wobei er aber trotzdem immer noch zu den besseren Vertretern dieses Genres gehört.
