Zwischen Fanzine-Nostalgie, #pnpde-Bewegung und einmaligem Kunstprojekt – So fasste ich vor rund einem halben Jahr in unserer damaligen Podcastfolge (Link) das per Crowdfunding finanzierte Fanzine „The CrunchFluff“ zusammen. Und mit meinen sogar gleich zwei Podcastfolgen war ich nicht alleine, denn Uland Grawe und sein Team fanden zahlreiche namhafte Kreativlinge, sowohl direkt für das Heft an sich als auch für die Marketing-Kampagne drumherum. Und die ganze Arbeit wurde belohnt, immerhin schaffte das Projekt letztlich 356 % des Finanzierungszieles, auch wenn man aus manchen Ecken etwas Enttäuschung raushörte. Aber hey, es wurde finanziert, und jetzt lagen gleich zwei Hefte im Briefkasten. Einerseits das Magazin an sich und dann auch noch das Abenteuerheft. Also schauen wir doch mal rein, ob das alles was taugt ;-)
 

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Fangen wir vielleicht mal ganz grundlegend an: „The CrunchFluff“ ist ein Fanzine (wobei es so professionell produziert wurde, dass es eher ein Hochglanz-Hobbyheft ist, welches sich so auch in jedem Bahnhofskiosk nicht vor der Konkurrenz verstecken bräuchte), welches sich mit dem Rollenspiel-Hobby beschäftigt. Und zwar mit sehr vielen Facetten davon, beispielsweise dem spielmechanischen Teil (z.B. neue Klassen für OSR-Systeme wie „Sword & Wizardry“ und neue Berufungen inkl. Zaubersprüche für „Against the Darkmaster“), dem erzählerischen Teil (z.B. mit Kurzgeschichten) und vor allem aber den geschichtlichen Teil. Denn, und das hat Uland ja immer wieder betont, „sein“ Fanzine ist vor allem eine Verbeugung vor den Fanzines der 80er Jahre. Da werden die ehemaligen Macher (meistens ist das Gendern hier unnötig) interviewt, ein paar nostalgische Anekdoten gibt es auch noch, und am Ende träumt man einfach von besseren Tagen...
 

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Okay, das war jetzt etwas polemisch, aber die Nostalgie ist einfach ein elementarer Teil des Selbstverständnisses. Und hier kommen wir zu einem für mich persönlich riesigen Problem, denn als beispielsweise „Pläi Beck“ erstmals erschien, war ich noch nicht einmal geboren. Darum sind viele von den Rückblicken und Interviews für mich einfach nicht relevant und damit auch manchmal ziemlich uninteressant. Das soll die Qualität der Artikel an sich nicht herabwürdigen, aber dass es einen Kutschen-Abenteuer-Running Gag im „Grünen Gnom“ gab, ist halt sicherlich nur für diejenigen Lesenden spannend, die damals mitgefiebert haben, ob & wann das Abenteuer denn nun wirklich erscheint. 
 

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Gelegentlich gestört hat mich bei der Lektüre die Ziellosigkeit und auch die Knappheit, mit der besonders eben diese nostalgischen Themen abgehandelt werden (z.B. „Der Blechbikini“, zwar theoretisch 2 Seiten lang, aber der relevante Text füllt nur nur eine ¼ Seite, ohne dass man da wirklich in die Tiefe geht abseits von „Hmm, vielleicht haben Frauen früher kein Rollenspiel gespielt, weil Männer Brüste mögen?“. Oder „Als Google noch Papier war“, nur eine halbe Seite lang, aber ich versteh nicht, wozu dieser Artikel eigentlich da ist? Wenn man ins Museum geht, lernt man mehr, als wenn man nur googelt? Ja aber was hast du denn gelernt? Und zuletzt „Kampf der Sterne“, ein Rollenspiel-Ranking, welches so seriös ist wie ein Saugroboter-Vergleich im Frühstücksfernsehen). Oder dass manche Artikel, und das ist ja immer das Problem wenn man sie „von Außenstehenden“ einreichen lässt, schon so einen leicht werbenden Touch haben – Hier mache ich der Redaktion keinen Vorwurf, irgendwie müssen ja die rund 180 Seiten gefüllt werden, und zugegebenermaßen hätte ich sonst auch beispielsweise nie was von „Spread the Flame“ gehört. Aber ich wollte es halt doch anmerken, denn diese Kritikpunkte fallen umso mehr auf, da auch eine ganze Reihe an wirklich guten, lesenswerten Artikeln hervorstechen, die im Rahmen ihrer Möglichkeiten auch angemessen in die Tiefe gehen. Die Diskussion um die Erfindung des Rollenspielens und die Liebeserklärung an Christel Scheja sind da zwei tolle Beispiele. Und viele der Spielhilfen/Regelerweiterungen sowieso.
 

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Neben dem Doppelmagazin (ungefähr nach der Hälfte dreht sich das Fanzine quasi um, aus „Die Kinder des Grünen Gnoms“ wird „Rewind to Pläi Beck“, wobei beides aber komplett unter dem „The CrunchFluff“-Label läuft) gibt es noch ein 84 Seiten dickes Abenteuerheftchen namens „The Adventurer's Feuilleton“, welches fünf Abenteuer enthält. Oder eigentlich eher drei Abenteuer, eine ganze Kampagne und ein Solo-Spielbüchlein. Sehr cool und auch kein Stinker dabei, ganz im Gegenteil. Allein dafür lohnt fast schon die Bestellung des „The CrunchFluff“-Bundles, welches 57,95 € zu Buche schlägt – Wer damals beim Crowdfunding mitgemacht hat, wäre mit 38 € davongekommen, also selbst Schuld ;-) Aber da weiß man es ja jetzt besser für die nächsten Ausgaben, denn entgegen der ersten Planung wird es mit dem Projekt weitergehen. Was mich schon mal aus Prinzip freut, denn Qualität sollte sich immer durchsetzen. Für mich persönlich wäre hier natürlich schön, wenn es nicht mehr ganz so nostalgisch wird, aber ich bin bin ja sowieso nicht die Zielgruppe ;-) Erfreuen konnte ich mich aber trotzdem an einem schön modern gestalteten Retro-Magazin, welches sich auch (zumindest die Artikel, die für mich spannend waren) gut und flott weglas, sowie einem netten Abenteuerheft. Würde ich dafür jetzt knapp 60 € in die Hand nehmen? Nein. Aber würde ich, bei der Beibehaltung des Designs, des Umfangs und des grundlegenden Konzepts, bei für mich relevanten Themen bzw. abgehandelten Jahrzehnten knapp 60 € in die Hand nehmen? Ja, dann schon. Also schauen wir mal, wohin sich die Reise entwickelt. Meine Daumen sind gedrückt!
 

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Fazit: „The CrunchFluff“ (Link) bietet rund 180 (mit Bonusheftchen sogar über 260) Seiten voller Liebe, voller Nostalgie und voller Retro-Emotionen. Für die Fanzine-Fans der 80er und frühen 90er ist das hier ein Pflichtkauf; alle anderen (also auch ich) dürfen derweil die Daumen drücken, dass das Projekt thematisch ein paar Schritte näher an die Gegenwart heranrückt.