Vor so ziemlich genau vier Jahren kürte ich den Noir-Thriller „Contrapaso #1 Die Kinder der Anderen“ (Link) zu einem der Comic-Highlights des Jahres – Und da war das Jahr erst wenige Wochen alt! Denn die Geschehnisse rund um zwei ungleiche Lokalreporter im totalitären Franco-Spanien der frühen 50er, die einem Serienmörder auf der Spur sind, überzeugten sowohl als Kriminalfall an sich als auch als Sittengemälde einer für uns in Deutschland doch „fremden“ Gesellschaft. Und noch dazu waren die Zeichnungen von der Autorin Teresa Valero ganz und gar vorzüglich, sodass ich natürlich voller Begeisterung dem zweiten Band entgegenfieberte.
Nun ist er also draußen, und er beginnt auch direkt wieder mit weiteren Ritual-Serienmorden. Aber schnell wechselt das Thema, denn in einem Filmtheater, welches als geheimer Ort für Prostitution zweckentfremdet wird, geschieht ein Mord. Passend dazu hat die Leiche einen Filmstreifen im Mund, der auf ein viel größeres Korruptionskomplott hinweist, als es die staatshörige Polizei wahrhaben will. Aber zum Glück sind da ja noch die beiden politisch am jeweils anderen Ende des Spektrums stehenden Reporter Sanz und Lenoir, welche auch dann nicht aufgeben, als ihnen die Zensurbehörden alle möglichen Steine in den Weg legen... Das Thema Zensur ist dann auch, neben Landflucht und damit einhergehender Armut, der Dreh- und Angelpunkt der gesamten Handlung. Denn das spanische Kino (so wie alle Kulturschaffenden) sind eingepfercht zwischen dem Wunsch, eine realistische Wirklichkeit mit einer progressiven Weltsicht zu vermitteln, während die Zensurbehörde religiös sittsamen, staatstreuen Eskapismus und auch Propaganda erwartet. Wer nicht auf Linie ist, hat es schwer, oder kommt direkt in den Knast – Ein feuchter Traum unseres aktuellen Kulturministers, nur mal so nebenbei bemerkt ;-)
Sanz und Lenoir ermitteln also vor sich hin und reißen nebenbei alte Wunden auf, denn natürlich spielt auch wieder der spanische Bürgerkrieg eine entscheidende Rolle bei der Lösung des Falls. Der ist erneut spannend und gut durchdacht, aber auch ein klein wenig kompliziert, sodass ich manchmal zurückblättern musste, um mir die Zusammenhänge zu erschließen. Aber wie schon im Vorgängerband geht es hier ja eh nicht um den Kriminalfall an sich und auch nicht um die erneut glaubhaft charakterisierten Figuren, sondern um die Vermittlung der Lebensrealität unter einem faschistischen Regime. Besonders hervorzuheben ist dabei das kurze Nachwort, welches noch einmal anhand konkreter historischer Vorlagen für den Krimi verdeutlicht, wie absurd die Franco-Zensur die Kunst verdrehte und wie aus dem Bürgerkrieg gewachsene Korruption das Volk aushungerte. Also insgesamt wirklich spannende und lehrreiche 192 Seiten, die der „Splitter Verlag“ (der mir dankenswerterweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte) hier publiziert hat. Hoffen wir mal, dass ich nicht wieder fast eine halbe Dekade auf den Abschlussband warten muss ;-)
Fazit: Ja, „Contrapaso #2 Für Erwachsene, mit Vorbehalt“ (Link) ist ein Noir-Krimi, aber eigentlich ist er vielmehr eine Warnung vor Zensur in der Kultur. Und das macht diesen historischen Comic so unglaublich aktuell und wichtig.
