Drei Spionage-Waschbären, gemeinsam unter einem Trenchcoat steckend, kommen in eine Bar... Klingt wie der Anfang eines schlechten Witzes, den man ziemlich umständlich zu einer Pointe führen muss – Ja, selbst ChatGPT konnte diesen Witz nicht mehr retten. Aber vielleicht die Spielenden des Indie-Erzählrollenspiels „Mission ImPAWsible“, die eben jenen Witz ein ganzes Abenteuer lang konsequent durchziehen und dabei allerhand Agenten-Klischees parodieren. Denn was ist besser als ein James Bond? Genau, ein James Bond, der sich aus drei Waschbären zusammensetzt ;-)
 

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„Mission ImPAWsible“ ist ein Improvisation-Erzählrollenspiel, bei dem drei Waschbären plus eine Spielleitung gefährliche Missionen erleben. Wobei man je nach Anzahl der Spielenden auch nur mit zwei Waschbären oder gar mit sechs (dann aber eher auf zwei Agenten aufgeteilt) spielen kann, das ist fast egal, wobei mehr Spielende zugleich mehr Chaos bedeuten, was wiederum mehr Spaß bringt. Denn die Spielenden sind zwar Geheimagenten, aber eben auch Waschbären, sodass sie sich unter einem Trenchcoat als Mensch tarnen müssen, indem jede(r) von ihnen die Rolle eines Körperteils (bei drei z.B. Beine, Arme/Oberkörper & Kopf) übernimmt. Nach der recht simplen Charaktererschaffung (eine von sechs Klassen wählen, Fahndungsfoto zeichnen, Lieblingssnack bestimmen & Spezialgegenstand mitnehmen), der Definition der Gruppenbeziehungen und der Entscheidung der Körperposition (also wer z.B. die Arme spielt) kann es dann auch schon direkt losgehen. 
 

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Die Regeln sind dabei denkbar einfach, denn wenn die Waschbären eine risikoreiche Aktion durchführen wollen und ihre konkrete Vorgehensweise definiert haben (Was wie tun? Wie das Risiko minimieren und die Belohnung vergrößern?), wird eine Münze geworfen. Je nachdem, wie stark man ins Risiko geht, sogar gleich zweimal. Entsprechend dem Ergebnis gibt es größere und kleinere, mitunter aber auch triumphale oder katastrophale Ergebnisse. Misslungene Aktionen führen dann zu Stress (quasi Lebenspunkte in anderen Spielen), welchen man durch Snacks abbauen muss. Tut man das nicht rechtzeitig, dreht der Waschbär durch. Und das ist gefährlich, denn jede verdächtige Aktion (neben z.B. der Tatsache, dass Waschbären eher schlecht menschlich sprechen, sind auch amoklaufende Waschbären an sich verdächtig) erhöht das Verdacht-O-Meter. Steht es auf Anschlag, werden die Tierfänger losgelassen... Schlimmer ist nur noch, wenn alle Waschbären durchdrehen, denn dann ist die Mission gescheitert.
 

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Das war es dann auch schon regeltechnisch für die Spielenden. Kein Wunder, dass das 36 Seiten dünne Heftchen lediglich vier Seiten mit dieser Thematik verbringt. Alle folgenden Seiten sind ausschließlich für die Spielleitung gedacht, denn die muss sich natürlich eine spannende Mission ausdenken. Was aber gar nicht so schwierig ist, denn neben einigen Beispielmission gibt es auch zahlreiche Würfeltabellen zur Inspiration, um das vorgeschlagene Abenteuerkorsett zu füllen. Das erzählt eine Mission als Abfolge von fünf Szenen, welche man so auch von Filmklassikern wie „Mission Impossible“ kennt: Start mit einem Eröffnungscoup, um die Waschbären einzuführen, bevor die eigentliche Mission beginnt. Dann wird der Außenbereich infiltriert, bevor man versucht im Innenbereich nicht aufzufallen. Im Zielbereich konfrontiert man dann den Bösewicht oder stiehlt den McGuffin, bevor eine erfolgreiche Flucht zu einer heroischen Abspannszene führt. 
 

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Also wirklich simpel, kurz und eben kurzweilig, das kann man selbst mit Grundschulkindern (so sie denn das Spionage-Genre oder Agenten-Klischees kennen) locker in einer halben oder ganzen Stunde problemlos durchzocken. Dazu noch ein wenig „ImPAWsible Bingo“, bei dem man versucht möglichst viele Klischees abzuarbeiten um eine Bingo-Karte vollzumachen, und der Kindergeburtstag ist gerettet ;-) Aber auch Erwachsene, gerade solche Filmfans wie ich, werden hier sehr viel Spaß haben. Denn „Mission ImPAWsible“ ist regeltechnisch simpel, sehr rasch durchgespielt und dabei doch mit einem hohen Wiederspielwert gesegnet. Dazu die süßen Zeichnungen, die schön den parodistischen Charakter dieses Erzählspiels unterstreichen, sodass man hier eindeutig den Kleinstverlag „ProIndie“ (der mir dankenswerterweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte) für seinen Mut zum Nischen-Spaßrollenspiel loben muss. Und ein Lob geht auch an die Produktionsqualität, das hat Hand & Fuß. Okay, an ein oder maximal zwei Stellen hätte das Lektorat vielleicht noch etwas sauberer arbeiten können, davon abgesehen gibt es hier aber definitiv ein sehr positives...

Fazit: „Mission ImPAWsible“ (Link) ist genau das Erzählrollenspiel, das ich brauche, wenn der trübe Herbst mal wieder auf die Stimmung drückt. Geheimagenten-Fans werden sich über die liebevolle Genre-Parodie freuen, während jüngere Spielende hier einfach nur quatschigen und ausgesprochen kurzweiligen Spaß erleben.