Winterzeit ist „Shadowrun“-Zeit, zumindest bei mir. Und da bevorzuge ich bekanntermaßen keine epischen Metaplot-Geschichten, wie sie zuletzt in „Ernteschäden“ (Link) stattfanden, sondern ganz bodenständige Kleinkram-Abenteuer, bei denen die Spielenden auf lokaler Ebene auch mal Gutes tun – Oder auch nicht, immerhin sind wir immer noch in einer mehr als nur dystopischen Zukunft ;-)
Im 72 Seiten dicken „Runner gesucht“ gibt es nun drei solcher Brot-und-Butter-Runs, bei denen man für schlechte Bezahlung und wenig Ruhm allerlei gefährliche Missionen absolviert.
Der Band startet direkt mit dem vielleicht besten Abenteuer, dass ich dieses Jahr für „Shadowrun“ gespielt haben werde. Denn die Gentrifizierung schlägt zu, weshalb ein Gemeindezentrum platt gemacht werden soll. Die Spielenden sollen bei dem federführenden Freiherrn von Hansdorf-Töppels einbrechen, um belastendes Material zu erbeuten, welches ihn zum Umdenken bewegt. Aber der ist erstens viel bösartiger, als es zu Beginn den Anschein macht, und zweitens auch noch bestens auf den Einbruch vorbereitet. Gegen jede Chance müssen die Spielenden hier ein Wechselbad der Gefühle durch- und überleben, bei denen der Freiherr immer neue Schergen und auch immer mehr Geld einsetzt, um seine Ziele zu erreichen. Und wer weiß, vielleicht lassen sich die Spielenden sogar korrumpieren?
Nach diesem großartigen Actiondrama folgen noch zwei ebenso spannende, aber geringfügig ruhigere Kriminalfälle. Zuerst soll man ein gegnerisches Runner-Team ausfindig machen, welches zufällig (?) einen harmlosen Schulhausmeister kaltblütig ermordet hat. Die Tochter will Gerechtigkeit, denn Rache serviert man kalt, weshalb die Spielenden die Spuren zu den einzelnen Mitgliedern des Killer-Teams zurückverfolgen.
Zuletzt gehen besonders hübsche (Meta-)Menschen verloren in Scrap Heaven. Wer daran die Schuld trägt und warum das passiert, erschließt sich erst nach umfangreichen Ermittlungen in dem ärmlichen Stadtteil. Kleiner Spoiler: „Marlene lebt“ (Link), einer der besten „Shadowrun“-Romane, die ich je gelesen habe, geht thematisch in eine ähnliche Richtung ;-)
„Runner gesucht“ ist eine deutsche Eigenentwickung von „Pegasus Spiele“ (die mir dankenswerterweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung stellten), die genauso aussieht und sich genauso liest wie alle anderen „Shadowrun“-Abenteuerhefte, die ich im letzten Jahrzehnt zur Rezension bekommen hab. Und das kann man durchaus als Lob verstehen, denn die klare Strukturierung in Kapitel und Unterkapitel (wie üblich beispielsweise die Übersicht, das Geschehen hinter den Kulissen sowie Erleichterungen & Erschwernisse) sowie gelegentliche Karten & Handouts machen das Leiten selbst für Spielleitungsneulinge (so man denn mit den komplexen „Shadowrun“-Regeln vertraut ist) gut handelbar. Lektorat & Layout hat auch wieder stabil gearbeitet, da gibt es nix zu meckern.
Fazit: Also reden wir nicht lang drumherum, „Shadowrun: Runner gesucht“ (Link) ist ein wirklich guter Abenteuerband, der sogar prima als Einstieg in das Cyberpunk-Universum funktioniert.
