Krimispiele erfreuen sich ungebrochener Beliebtheit, aber selbst die etablierten Fachverlage klagen darüber (Link), dass der Markt überschwemmt ist. Wie also kann man noch irgendwo eine Marktlücke finden, damit das eigene Indie-Produkt nicht in der Masse untergeht? Das haben sich Frederick & Sophia von „Arcane Gossip“ auch gefragt - Und ihre Lösung war so einfach wie genial: UFOs! Denn Mystery-Krimis wie „Akte X“ erfreuen sich nach wie vor großer Beliebtheit, weshalb sie mit den „Black Cat Files“ eine Reihe ins Leben riefen, die sich eben mit genau solchen übernatürlichen Kriminalfällen befasst. Die Verlagswebseite gibt schon einen guten ersten Eindruck, in welche Richtung die Fälle gehen werden, wobei der nun vorliegende erste Fall aber noch recht „klassisch“ ist. Denn es wurden die titelgebenden UFOs über Eastview gesichtet, das Militär hat auch schon Stellung bezogen und zu guter Letzt starb auch noch ein bekannter Verschwörungspodcaster. Ob das alles miteinander zusammenhängt?
Die Spielenden, welche im Geheimen ermitteln müssen, haben nun gleich fünf Fragen zu knacken, deren Auflösung die typische US-Klischee-Kleinstadt Eastview hoffentlich bald wieder befrieden wird. Woher kamen die Kornkreise? Und woher die Lichter am Himmel? Was ist mit einem vermeintlichen Alien-Opfer wirklich passiert? Wieso hat das Militär nun Stellung bezogen? Und wie und von wem wurde der Verschwörungspodcaster getötet?
Wie es bei Krimispielen üblich ist muss man sich auch bei den „Black Cat Files“ durch eine ganze Menge an Spielmaterial wühlen. Vieles davon ist „handfest“, also beispielsweise ausgedruckte Polizeidokumente (z.B. Obduktionsbericht und Funkprotokoll), Übersichtskarten, Fotografien, ein Duftbaum (wie geil!) und die obligatorische Kleinstadt-Zeitung, die hinter viel Klatsch und Tratsch auch allerlei entscheidende Informationen versteckt. Vielleicht sogar noch wichtiger ist aber die Online-Recherche, die weitestgehend über ein Geheimbehörden-Ermittlungsportal erfolgt, welches beispielsweise zu den betreffenden Personen alle möglichen Daten gesammelt hat und welches auch erlaubt, dass man unter Vorwand diverse Personen anruft oder auf verschlüsselte Daten zugreift. Das klingt unglaublich mächtig, ist es auch, aber hier wird man aus spielmechanischen Gründen direkt aus der Immersion gerissen. Klar, ich verstehe völlig, dass es eben der Sinn des Spiels ist, dass ich mir erst die ganzen notwendigen Informationen (z.B. Geburtsdaten und Telefonnummern) selbst zusammensuche. Aber wenn ich doch die geheimste Geheimbehörde wo gibt verkörpere, dann sollte ich da doch auch eigentlich so zugreifen können? Da wäre es umgekehrt vielleicht immersiver gewesen, dass die Leute dann Allerweltsnamen haben und ich aus den 30 Max Mustermännern die richtige Zielperson raussuchen muss, indem ich herausfinde, wie das Geburtsdatum lautet. Aber okay, „Arcane Gossip“ (die mir dankenswerterweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung stellten) ist ein Indie-Kleinstverlag, da muss man spielmechanische Kompromisse akzeptieren. Dazu kommen dann noch allerhand Fake-Webseiten und sogar Podcasts, die wirklich gut gemacht sind. Aber, und das dürfte für einige meiner Lesenden vielleicht relevant sein, dieses „wirklich gut gemacht“ kommt vor allem dadurch zustande, dass massiv mit generativer KI gearbeitet wurde. Das ist in einigen Fällen verständlich (selbst ein größerer Verlag würde sich schwer tun, UFOs am Himmel fliegen zu lassen), in einigen Fällen – nämlich vor allem, wenn es um das gesprochene Wort geht – reißt es aber manchmal aus der Immersion. Zudem haben wir uns mit zwei Beweisstücken sehr schwer getan, weil wir die darin versteckten Hinweise für KI-Unsauberheiten hielten. Den Fall haben wir dann aber trotzdem geknackt, also wir waren in keiner Sackgasse, aber vielleicht wären wir dann noch einen Tick schneller fertig gewesen mit einer etwas besseren Endwertung ;-) Gebraucht haben wir übrigens 155 Minuten, was so halbwegs genau in der Mitte der angegebenen 120 – 240 Minuten Spielzeit lag. Dabei waren wir auch ziemlich erfolgreich, lediglich eine Frage hat uns wirklich um den Schlaf gebracht. Und Achtung, jetzt folgt ein Spoiler, also schnell weiter zum nächsten Absatz scrollen, falls ihr den Fall noch spielen wollt: „UFOs über Eastview“ vermittelt mir die ganze Zeit, dass all das Mysteriöse da draußen rational erklärbar ist. Und dann sind da plötzlich wirklich Aliens, was sich irgendwie nicht so richtig in das Gesamtnarrativ des Falls einfügen wollte.
Davon ab haben uns der Kriminalfall und die Spielmechaniken durchaus gefallen. Eventuell hätte man noch ein, zwei Nebenhandlungen etwas straffen können (so ein wenig wurde man schon mit potentiellen Beweisen überhäuft), aber bei einem Verkaufspreis von knapp 28 € will man natürlich auch eine angemessene Gegenleistung für sein Geld ;-) Zudem wird nichts von dem qualitativ gut produzierten Spielmaterial zerstört (außer, man will den Duftbaum wirklich ins Auto hängen), sodass man den Fall problemlos weiterreichen kann. Also insgesamt geht mein Daumen nach oben, also es gibt ein positives...
Fazit: „Black Cat Files #1 UFOs über Eastview“ (Link) ist ein überaus ambitioniertes Erstlingswerk, welches viel Spaß macht und verdeutlicht, dass dieses Mystery-Krimispiel-Konzept unglaubliches Potential hat. Ein paar Kinderkrankheiten gibt es zwar noch, zudem dürften sich manche Spielende an der starken KI-Nutzung stören, aber ich bin schon sehr gespannt auf weitere „Arcane Gossip“-Fälle.
