H.G. Wells ist den meisten Phantastik-Lesenden ja für ikonische Romane wie „Die Zeitmaschine“, „Die Insel des Dr. Moreau“, „Der Unsichtbare“ und natürlich „Krieg der Welten“ bekannt. Diese Titel wurden auch schon oft in verschiedenste Medien adaptiert, erst heute etwa hat die aktuelle „Krieg der Welten“-Verfilmung gleich fünf „Goldene Himbeeren“ gewonnen. Es was weniger bekannt ist die Kurzgeschichte „Der Mann, der Wunder vollbringen konnte“, obwohl es diese es nicht nur zu zwei Verfilmungen gebracht hat, sondern auch zur Begründung eines ganzen Genres, dessen Klamauk-Meisterwerk „Bruce Allmächtig“ wohl der bekannteste Vertreter des „Durchschnittsversager bekommt Götterkräfte“-Tropes ist.
Und eben genau darum geht es in dieser Kurzgeschichte, welche der „Splitter Verlag“ (der mir dankenswerterweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte) nun als 72 Seiten dicken, ganz und gar wundervoll gezeichneten Hardcover-Band präsentiert: Mister Fotheringay, ein absoluter Durchschnittsbürger ohne irgendwelche Besonderheiten, ist ein knallharter Skeptiker ohne irgendwelche Ambitionen. Bei einem Kneipenabend will er beweisen, dass es keine Wunder gibt, indem er versucht ein Wunder zu vollbringen, was seiner Meinung nach ja nicht passieren kann... Aber dann passiert dieses Wunder doch! Und rasch merkt Fotheringay, dass er die Ursache dieses Wunders ist, indem er noch viel mehr Wunder vollbringt. Mal eher Quatsch (sein Spazierstock wird zu einem Bäumchen), mal eher Nützlichkeiten (seine Arbeit erledigt sich von allein), mal eher unbedachte Schnellschüsse, die Schäden verursachen (der Wachtmeister wird wortwörtlich in die Hölle geschickt). Als echter Skeptiker lässt er sich aber nicht auf die Macht seiner Kräfte ein, sondern er versucht sie wissenschaftlich zu ergründen, indem er z.B. eine Wahrsagerin, einen Arzt und einen Psychiater aufsucht. Als das alles nichts bringt, wendet er sich sogar der Religion zu, welche ihn dann in Form des lokalen Pfarrers soweit beeinflusst, dass er die Welt zerstört...
Das ist, wie eben fast alle Vertreter der „Durchschnittsversager bekommt Götterkräfte“-Tropes, natürlich riesiger Quatsch. Aber trotzdessen – oder gerade deswegen? – macht „Der Mann, der Wunder vollbringen konnte“ einfach richtig viel Spaß! Denn obwohl es nur eine Kurzgeschichte ist, schafft es H.G. Wells (adaptiert von José-Luis Manuera) überraschend gut, dass man sich mit dem Protagonisten und seiner skeptischen Weltsicht identifiziert. Über die gesamte Zeit hinweg staunt man mit ihm gemeinsam über seine Wunder & Werke und versucht gemeinsam, mit ihm herauszufinden, was hier nun eigentlich genau passiert ist... Dass dabei am Ende die Welt untergeht ist nur der konsequente Schlusspunkt in einer flott erzählten, manchmal dezent humorvollen und vor allem aber doch irgendwie auch ernsthaften Phantastik-Kurzgeschichte. Daher gibt es von mir alle beide Daumen nach oben und daher auch ein ganz und gar positives...
Fazit: „Der Mann, der Wunder vollbringen konnte“ (Link) ist eine der besten Comic-Adaptionen eines historischen Stoffes, die ich in den letzten Jahren hier im Blog rezensiert habe. Absolute Empfehlung!
