Das meiner Meinung nach beste Videospiel aller Zeiten, nämlich „Cyberpunk 2077“, dürfte mir eigentlich gar nicht gefallen. Alles viel zu brutal und düster, ja fast schon nihilistisch, und Ballerspiele sind auch nicht mein favorisiertes Genre. Aber irgendwie liebe ich trotzdem alles daran – Und das gilt eben auch für die Comic-Adaptionen, die immer wieder kleine Kurzgeschichten (meist) unabhängig von der Videospiel-Story erzählen.
Interessant für das Worldbuilding ist es da besonders, wenn diverse Behörden oder Organisationen vorgestellt werden, die sonst aus Sicht der Videospielenden eher als Antagonisten agieren. Das machte damals schon „Trauma Team“ (Link) besonders interessant, und das macht nun eben auch „Psycho Squad“ so lesenswert. Denn in einer Welt, in der durch Leistungsdruck zu viele Menschen zu viele Implantate bekommen, sind Amokläufe von hochgerüsteten sogenannten Psychos nur die traurige, aber logische Konsequenz – Ein Schelm, wer dabei keine Parallelen zur Opioid-Krise in den USA sieht ;-) Was hier vielleicht auch gleich die große Schwäche dieses 104 Seiten dünnen Comics ist, denn das Thema gibt sooooo viel her, aber zwischen all den brutalen Action-Gemetzeln und ein wenig Hintergrund-BlaBla über die sadistische Chefin der Psycho-jagenden Eliteeinheit gehen diese sozialkritischen Zwischentöne – welche ja ein Wesensmerkmal des Cyberpunk-Genres sind – leider unter.
Aber hier zäume ich das Pferd von hinten auf, vielleicht sollte ich erst einmal mit der Story an sich beginnen: „MaxTec“ ist eine Eliteeinheit zur Bekämpfung von Cyberpsychos, die immer wieder Amokläufe verüben. Mit einer Erfolgsrate von 100 %, aber einer Tötungsrate von 400 %, zeichnet sich die kleine Gruppe durch eine Kompromisslosigkeit aus, die einen gewissen Menschenschlag anzieht. Etwa eine sadistische Squad-Chefin, die sich an Gewalt aufgeilt, oder auch ein Ex-Psycho, der gerade so den Absprung vom Amoklauf geschafft hat. Und eben jener ist diesmal der Protagonist, der immer mehr an der Vorgehensweise seiner Truppe zweifelt. Denn tief im Herzen glaubt er, auch durch ein väterliches Teammitglied in seiner Meinung bestärkt, dass auch andere Psychos gerettet werden können. Doch solch ein progressiver Lösungsansatz wird nicht gern gesehen, sodass er sich am Ende zwischen der Loyalität zu seiner Einheit und dem Mitgefühl mit den erkrankten Psychos entscheiden muss...
Ich will gar nicht tiefer in die Geschichte hinein gehen, aber ich denke schon die kurze Zusammenfassung zeigt, was für ein Potential hier drin steckt. Das wird leider aber vom Autor Dan Watters kaum genutzt, denn all die interessanten Themen ertrinken in „Psycho Squad“ unter literweise Blut. Das macht den Comic nicht weniger lesenswert, denn erneut hat der „Panini Verlag“ (der mir dankenswerterweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte) hier einen spannenden, knackigen und auch hübsch gezeichneten Cyberpunk-Trip ins Programm aufgenommen, aber mit mehr Seiten oder einem talentierteren Autor wäre hier ein dystopisches Meisterwerk drin gewesen und nicht nur ein zugegeben guter Action-Snack. Schade!
Fazit: „Cyberpunk 2077: Psycho Squad“ (Link) ist ein guter Action-Snack – Und das wäre bei vielen Comics ein Lob, ist hier aber Kritik, denn es hätte so viel mehr Potential gegeben. Schade!
