Was gehört eigentlich zu einer guten WildWest-Geschichte? Einsame Cowboys? Noch einsamere Prärie-Städtchen? Fiese Gangster-Banden, welche gnadenlos rumballern? Und wo wir beim Thema Rumballern sind, ist das nicht sogar essentiell? Colt-Revolver und Winchester-Gewehre, die kiloweise Blei durch die öde Steppe jagen? Irgendwie schon... Aber was ist, wenn dieses Rumgeballer plötzlich Überhand nimmt?
„Leave Them Alone“ ist ein WildWest-Comic, der alle Klischees abgrast. Eine superbrutale Vergewaltigungs- & Räuberbande überfällt in unschöner Regelmäßigkeit so viele Postkutschen, dass ein verlassenes kleines Wüstenstädtchen irgendwann finanziell auf dem Trockenen sitzt. Die Lage ist so ernst, dass selbst die Vorzeige-Sexarbeiterin Mattie diesen trostlosen Ort verlassen will. Zeitgleich ist ein schießwütiger Fremder auf der Durchreise, und die Stadtoberen wollen den nächsten Geldtransport mit einer Sprengfalle schützen... Allesamt kreuzen sich ihre Wege in der kleinen Poststation Dead Indian Peak, welche von einer Oma mitsamt ihrer Enkelin sowie einem indigenen Helfer betrieben wird. Aber anstatt zu rasten, kommen dort alle Geheimnisse ans Licht, die in mehr als nur einer bleihaltigen Konfrontation enden.
Von der Grundprämisse her erinnert „Leave Them Alone“ damit an eine franko-belgische Comic-Variante von Quentin Tarantinos Western-Meisterwerk „The Hateful Eight“, nur eben in der Wüste statt im Schnee und vor allem aber mit sehr viel rudimentärer ausgearbeiteten Figuren und Dialogen. Denn auf immerhin 160 Seiten wird zwar sehr viel gezeigt, aber sehr wenig gesagt, sodass die Prota- und Antagonisten allesamt nur klischeehafte Abziehbilder bleiben. Aber das ist prinzipiell ja gar nicht schlimm, hier wird eh so viel gestorben, dass es sich für die Lesenden gar nicht lohnt, sich emotional in die Figuren zu investieren. Was zumindest dann nicht schlimm ist, wenn man sich bewusst ist, was der „Splitter Verlag“ (der mir dankenswerterweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte) hier eigentlich anbietet. Nämlich nicht unbedingt „vielschichtige Figuren“ in einem „ungemein atmosphärischen Western“, der „bis zum letzten Augenblick spannend bleibt“ – Hier haben sich die PR-Leute mal wieder weit aus dem Fenster gelehnt. Aber als eine harte und vor allem sehr hübsch gezeichnete Comic-Variante eines WildWest-Groschenheftes, welches man immer noch für teils unter drei Euro am Bahnhofskiosk bekommt (ich war selbst überrascht, als ich die Preise recherchiert habe), taugt „Leave Them Alone“ (Link) allemal.
