„Es fühlt sich gut an, sich schlecht zu fühlen“ – Das war mein Fazit zur Comic-Dilogie „Die Erektion“ (Link), geschrieben von Thierry Terrasson, besser bekannt als RomCom-Künstler Jim. Und auch diesmal passt dieses Kurzfazit ganz hervorragend zu seinem neusten Comic, denn am Ende dieses 192 Seiten dicken Epos rund um Liebe und Verlust bleibt kein Auge trocken.
 

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Die Titelheldin Zoe Carrington ist eine echte Herzensbrecherin, die als Freigeistin reihenweise Männer vernascht. Auch ein Studenten-Trio ist ihr verfallen, welches durch die Liebeseskapaden letztlich sogar das Studium vergeigt und sich als Rettungssanitäter, Zirkusartist und Bankkaufmann verdingt. Beim Protagonisten Simon hat der Liebeskummer nach einer einwöchigen Affäre nebst Abservierung für den stinkreichen Leo sogar soweit geführt, dass er nun seine Heterosexualität in Frage stellt. Umso überraschter ist er daher, dass seine Freunde und er nach zehn Jahren von Zoe eine Einladung nach London erhalten, um Leos 30. Geburtstag zu feiern – was natürlich bei allen dreien wieder alte Gefühle aufflammen lässt. Doch dieser Reise wird ganz anders, als sie sich das vorgestellt haben...

Nun haben wir ein Problem. Ich kann diesen Comic, der wirklich gut ist (mehr müssen Kaufwillige eigentlich nicht wissen) nicht besprechen, ohne dass ich maximal spoilere. Also seid gewarnt, jetzt geht es los: Zoe und Leo haben geheiratet, es war eine glückliche Ehe in Wohlstand. Doch vor zwei Jahren starb Leo, sodass Zoe (die schon immer den großen Auftritt suchte, was ein Teil ihres Reizes ausmacht) diesen 30. Geburtstag als eine Art verschwenderische Gedenkfeier geplant hat, bei der ihr Suizid den pseudo-romantischen Höhepunkt darstellen soll! Denn wenn sie und Leo schon nicht im Leben vereint sind, dann sollen sie es wenigstens im Tod sein...

Harter Stoff, der beim Lesen nahe geht, da die Figuren (bei allen Klischees und gelegentlichen Übertreibungen) so nahbar geschrieben wurden, dass man jede Perspektive irgendwie nachvollziehen kann. Kritikwürdig ist daher der wechselhafte Ton, denn seichte französische RomCom-Elemente und schrullige Figuren wechseln sich hier ab mit ernsthaften, traurigen Momenten. Das passt spätestens dann nicht zusammen, wenn Simon Zoe von ihrem Plan abbringen möchte, er dabei aber immer wieder auf unerwartete Hindernisse trifft (etwa ein Motorrad, das quasi auf Schrittgeschwindigkeit gedrosselt wurde) oder nicht nachvollziehbare Entscheidungen trifft (anstatt beim Erfahren des Suizidplanes direkt Hilfe zu holen, verfällt er erst einmal mit seinen Freunden dem Rausch). Zudem wirkt die den Comic durchziehende Nebenhandlung rund um die Simons Verkupplung von einer Sexarbeiterin mit einem seiner Freunde krass fehlplatziert.

Und doch, auch wenn die Handlung einige Kritikpunkte bietet (was vielleicht daran liegt, dass Jim die Geschichte über Jahrzehnte immer wieder mal aufgegriffen und umgearbeitet hat), ist „Zoe Carrington als Gesamtwerk doch einer der faszinierendsten, herzerwärmendsten und zugleich traurigsten Liebescomics, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Und so bleibt bei aller Begeisterung nur der winzige Kritikpunkt, dass der „Splitter Verlag“ (der mir dankenswerterweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat) hier keine Trigger-Warnung aufgedruckt hat, auch wenn mir natürlich bewusst ist, dass dies der Riesenspoiler schlechthin wäre.
 

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Fazit: „Zoe Carrington“ (Link) ist eine manchmal etwas unrund geschriebene Liebesdrama-Mischung, die letztlich aber dank toller Zeichnungen und einer bis zum Ende konsequenten Geschichte gut unterhält. Und ja, damit bin auch ich dem Charme der Titelheldin verfallen ;-)


 

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