Die dreiteilige „Ebenholz“-Kampagne (Link) für das Horror-Rollenspiel „FHTAGN“ ist schon etwas ganz Besonderes. Denn nicht nur zeigt die Kampagne (genau wie eigentlich jede Publikation der „DLG e.V.“) eindrücklich, in welch hoher Qualität selbst kleinste Indie-Spieleschmieden mittlerweile Rollenspiel-Kram veröffentlichen können. Nein, die eigentliche Besonderheit ist hier, dass explizit mit dem Meta-Wissen den Spielenden gearbeitet wird, welche über drei eigenständig spielbare, aber doch zusammenhängende OneShots hinweg den Alten Mann mitsamt seiner Ebenholz-Schatulle zu besiegen versuchen. In der Vergangenheit und der Gegenwart hat das aber nicht geklappt, also vielleicht in der Zukunft?
 

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Im Jahr 2249 ist die Menschheit technisch soweit fortgeschritten, dass sie autonome Bergbau-Raumstationen quer im Sonnensystem verteilt hat. Eine davon trägt den titelgebenden Namen „Goliath“ und beutet den sechstgrößten Neptun-Mond Despina aus. Zwei Jahre vor Beginn des Abenteuers beginnt die Bergbau-KI dann ein Notsignal abzusetzen, weil sie auf etwas gestoßen ist, was sie nicht einordnen kann... Und dann passiert im Prinzip klassischer Space-Horror. Eine Reparaturmannschaft kommt vorbei, um sich des Problems anzunehmen, doch alsbald wird sie mit übernatürlichem Schrecken und auch korrumpierenden Versuchungen konfrontiert. Da hilft es natürlich nicht, dass die vier vorgefertigten Charaktere auch noch zu zwei konkurrierenden Weltraumorganisationen gehören und sowieso allesamt noch eigene Geheimnisse mitbringen – Weshalb aus einer kooperativen Reparatur- & Forschungsmission ziemlich rasch ein gnadenloses Jede(r)-gegen-Jede(n) wird...
 

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Aufgebaut ist „Goliath“ als offen gehaltener Schauplatz, der abschnittsweise erforscht wird, und bei dem immer wieder kleinere und größere Zwischenereignisse und Entdeckungen für die nötige Spannung sorgen. Da findet man etwa einen sorgsam zerteilten Ex-Mitarbeiter, mitten auf dem Mond steht einfach mal ein Bauernhaus, es kommt zu Flashback-Sequenzen, die KI oder generell die Weltraumtechnik spielt verrückt, die Realität verschiebt sich und der Alte Mann macht Angebote, die man eigentlich nicht ablehnen kann. All dies erzeugt in den Händen einer begabten Spielleitung eine bedrohliche Atmosphäre, die mitunter an die Cthulhu-Version (achso, falsches Franchise, an die FHTAGN-Version) von SciFi-Horror-Klassikern wie dem ersten „Alien“-Film oder an das überraschend ähnliche Mondbasis-Abenteuer „Contact: Krater des Verderbens“ (Link) erinnern. Mit letzterem teilt „Goliath“ auch das Konzept des offenen Endes, bei dem die Spielleitung auf die Aktionen der Spielenden reagieren muss. Wobei „Goliath“ dabei deutlich (!) besser und planvoller ausgearbeitet wurde! Man merkt hier einfach, dass die „Deutsche Lovecraft Gesellschaft e.V.“ (die mir dankenswerterweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte) in sämtlichen Bereichen, sei es bei der Autorenschaft über das Lektorat bis hin zum Layout/Design, eine geballte Kompetenz angesammelt hat. Was wiederum den Preis von 19,95 € für ein überaus professionell wirkendes, 74 Seiten starkes Indie-Druckwerk absolut akzeptabel macht, gerade da man (je nach Spielstil) hiermit problemlos 2 – 4 Spieleabende füllen kann.
 

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Bleibt zuletzt natürlich die Frage, ob „Goliath“ ein würdiger Abschluss der Kampagne ist. Zu einhundert Prozent kann ich dies zwar nicht beantworten, weil mir noch das Auftaktabenteuer „Block B“ fehlt, aber aus meiner „unwissenden“ Perspektive halte ich dieses Abenteuer für einen gekonnten Schlusspunkt der Mini-Kampagne. Denn je nach den Aktionen der Spielenden wird es entweder nihilistisch (der Alte Mann gewinnt immer, weil Menschen eben Menschen sind), für FHTAGN-Verhältnisse sogar regelrecht heroisch (der Alte Mann ist zwar unbesiegbar, aber durch Aufopferung so geschwächt, dass er erstmal kein Chaos mehr anrichten kann) oder halt irgendetwas dazwischen. Dabei passt jedes der skizzierten Enden irgendwie gut in die Grundstimmung der „Ebenholz“-Trilogie, weshalb es für mich ein überaus positives Fazit gibt: „FHTAGN: Goliath“ (Link) ist ein super atmosphärisches, fein ausgearbeitetes SciFi-Horror-Abenteuer, welches sowohl Fans von „Call of Cthulhu“ als auch von „Alien“ abholen wird. Einen dicken Daumen hoch dafür!