Eigentlich soll man ja das Pferd nie von hinten aufzäumen, aber wer bin ich schon, dass ich mich an Regeln halte? Also habe ich die „Ebenholz“-Kampagne für das deutsche Horror-Rollenspiel „FHTAGN“ mit dem Trilogie-Mittelteil (Link) begonnen, um mich dann sehr begeistert zu zeigen vom großen Finale (Link), bevor ich mir nun den Trilogie-Auftakt zu Gemüte geführt habe. Wobei dieses Durcheinander gar nicht schlimm ist, da auch die Abenteuer nicht in chronologischer Reihe stattfinden und es auch eigentlich ganz egal ist, ob man schon etwas vorab von den Hintergründen weiß, weil in der „Ebenholz“-Kampagne sehr mit dem Meta-Wissen der Spielenden gearbeitet wird. Also schauen wir mal, ob mir der Jetztzeit-Knastaufenthalt genauso viel Spaß gemacht hat wie die anderen Abenteuer.
 

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Also starten wir auch mal direkt rein und spoilern die halbe Kampagne – Wobei, wie schon in der Einleitung erwähnt, hier kann man wegen dem Meta-Fokus eigentlich gar keine Geheimnisse ausplaudern ;-) 1398 gab es eine schreckliche Dürre in Böhmen, also hat der lokale Priester das Mythos-Monster Nyarlathotep beschworen. Das war anfangs auch keine schlechte Idee, solange nur genügend Kinder geopfert wurden und solange niemand die titelgebende Ebenholzschatulle öffnete. Naja, und dann sind aber die Spielenden im zweiten Band „Ebenholz“ aus dem Jahr 1923 nach 1403 gezeitreist und haben eben jene Schatulle geöffnet (jaja, laut Abenteuer könnten sie auch nur zugucken, wie das wer anders macht, aber wissen doch alle, wie die Spielende so drauf sind...). Damit wurde das Unheil in Form des „Alten Mannes“ über die Welt gebracht, sodass in der fernen Zukunft durch eine Geheimorganisation versucht wird, eben jene Schatulle in den Orbit und idealerweise auf den Neptun zu schießen (die Vorgeschichte und dann die eigentlichen Ereignisse im dritten Band „Goliath"). Und in den Jahren dazwischen? 
 

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Block B“ spielt im Jahr 2003 im titelgebenden Gebäude eines Großgefängnisses. Die Spielenden übernehmen die Rolle von vier Schwerverbrechern, welche mal mehr, mal weniger gerechtfertigt hinter Gittern sitzen. Zwei von ihnen kommen gerade frisch in den Knast, zwei von ihnen sitzen schon länger ein, aber sie alle verbindet ein harter Überlebenskampf. Denn in der straff durchgetakteten Welt des Strafvollzugs kämpfen drei Gangs um die Macht, welche es allesamt auf Frischfleisch, Einzelgänger und Eigenbrödler abgesehen haben. Doch rasch sind diese Gangs das geringste Problem, denn schon in der ersten Nacht verübt der Alte Mann in einer Nachbarzelle ein schreckliches Gemetzel – Und er hört nicht auf, denn mit jeder neuen Nacht metzelt er sich durch eine weitere Zelle, immer Stück für Stück näher an die hilflosen Spielenden. Auch das Wachpersonal ist machtlos, was die hochkochende Stimmung unter den Gefangenen noch mehr aufheizt, gerade weil sich der Alte Mann auch tagsüber morbide Späße erlaubt... Flucht ist also die einzige Option!
 

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Ob das gelingt? Theoretisch ja, denn „Block B“ ist fast schon wie ein gruseliger „Slice of Life“-Film angelegt, bei dem vier Tage und vor allem vier Nächte das Grundgerüst einer stetig eskalierenden Handlung sind, die auf die Flucht hinausläuft. Dabei geht es aber eben erst einmal nicht darum, direkt vor irgendwelchen Mythos-Monsters wegzulaufen, sondern man muss sich langsam in dem Mikrokosmos Gefängnis einleben, eventuelle Verbündete finden und vielleicht sogar mehr oder minder faire Deals annehmen. Und doch kann es bei aller Vorsicht natürlich immer mal wieder passieren, dass man bei den Mitgefangenen oder den Wachen zu sehr aneckt oder dass man genau zum falschen Zeitpunkt in... Nein, das spoilere ich jetzt lieber nicht ;-) „Block B“ schafft es jedenfalls sehr gut, mir als Spielleitung beziehungsweise als das Abenteuer lesender Rezensent (dessen einzige Berührung mit den Abläufen in US-Haftanstalten die phantastische Serie „Orange is the New Black“ ist) einen Eindruck zu vermitteln, wie es in diesem Gefängnis-Block zugeht, damit ich für meinen Spielenden ein atmosphärisches und authentisches Abenteuer bieten kann. Vorteilhaft ist dabei, dass sich die Text wirklich flott weglesen, zudem sind die Zeichnungen & Handouts eine große Spielleitungshilfe. Daher kann ich der dLG e.V. (die mir dankenswerterweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte) erneut mein Lob aussprechen, hier haben Lektorat & Korrektorat (wie auch die Layout- & Grafikabteilung) hervorragend gearbeitet. Trotzdessen sollte man jedoch einen gewissen SL-Erfahrungsgrad mitbringen, da man erst einmal vier verschiedene Spielende unter einen Hut bringen muss, die zumindest (wenn sie voll in ihrer Rolle bleiben) über die ersten Tage hinweg relativ viel ihr eigenes Ding machen - Denn wer sagt denn direkt zu einem Neuankömmling "Hey komm mal her, ich will hier einen Tunnel graben, willst du mitmachen?" ;-) Aber das hat ja im Prinzip auch wieder etwas mit dem Konzept des Meta-Wissens zu tun, denn wenn ich am Spieltisch weiß, dass der Gangster ein Loch buddelt, während ich mich als Hausmeister aber erstmal um meine Ahnen-Geister kümmern soll, dann habe ich auf Abenteuer-Ebene die gleichen „Problemchen“ wie ich sie auch auf Kampagnen-Ebene habe, wenn ich schon von dem Alten Mann und seiner Beziehung zur Schatulle weiß.

Fazit: Also ja, wir wissen es alle, ich mag keinen Horror. Aber, und jetzt kommt das große und unterstrichene ABER, ich mag „FHTAGN: Block B“ (Link) sehr! Und ich gehe sogar einen Schritt weiter, die „Ebenholz“-Trilogie ist eine der spannendsten und besten Kampagnen, die ich jemals gelesen habe. Und wenn Horror-Abenteuer diese Begeisterung bei mir auslösen, dann könnt ihr euch sicher sein, dass das wirklich erstklassiges Zeug ist!