Ich fange direkt wieder mit dem üblichen Spruch an, nur diesmal umgekehrt: „Splitternackt“, das Erotik-Imprint des „Splitter Verlags“ (der mir wahrhaft heldenhaft trotz gelegentlicher Verrisse, gerade von Milo Manara, immer wieder Rezensionsexemplare schickt), ist so ein richtiges Hit-and-Miss. Wobei Comics von Milo Manara immer besonders negativ hervorstechen, wenn sie eben explizit in diesem Imprint erscheinen. Man denke nur zuletzt an „Dunkle Spiele“ (Link), bei dem ich mich ernsthaft frage, was die BZjK (hat eigentlich jemand mitbekommen, dass die nicht mehr BPjM heißt?) denn so den ganzen Tag macht? Aber ja, ich weiß, gleich kommt wieder der Einwand „aber der Manara kann doch auch ganz toll historische Comics (Link), und da hast du doch relativ wenig gemeckert“, und darum bin ich auch mit einer gewissen Neugier an die Neuauflage seines medienkritischen Werkes „Revolution“ herangegangen. Denn die wird zwar vom Verlag als „Splitternackt“ gelabelt, ist aber glücklicherweise überraschend erotikfrei.
In Frankreich, wir haben es genau heute in der „Tagesschau“ gesehen, wird mal wieder mit voller Inbrunst protestiert und zugleich auch randaliert. Das ist das Franzosen-Mindset, das war historisch schon immer so, man denke nur an die Französische Revolution, als man alle unliebsamen Menschen per Guillotine beseitigte. Und deswegen ist es in diesem erstmals 2000 erschienenen Comic gar nicht so abwegig, dass das Volk in Bezug auf diese historischen Ereignisse erneut die Guillotine aus dem Museum holt, um die Medienelite des Landes in öffentlichen Schauprozessen einen Kopf kürzer zu machen. Das nächste geplante Opfer ist der Programmdirektor eines großen Senders, welcher der Background-Tänzerin Kay gerade die ganz große Karriere verspricht. Beide werden entführt und in die Wüste verschleppt, wo sie aneinander gekettet die Entführer überrumpeln, indem sie einen Unfall verursachen. In ein verlassenes Bergdörfchen fliehend, warten sie auf Rettung. Doch auch die Anti-TV-Revoluzzer (die sich natürlich ziemlich plump zur Französischen Revolution passende Decknamen wie Robespierre und Saint-Just geben) wollen ihre prominente Beute zurück...
Ich glaube ja sogar tatsächlich, dass der gealterte italienische Künstler Manara zumindest bei dieser Geschichte hier das Herz am rechten Fleck hat und dass er ernsthaft eine seriöse populismus- und medienkritische Satire erschaffen wollte. Nur müssen wir eben ehrlich miteinander sein, der Mann hält sich für viel schlauer, als er eigentlich ist. „Revolution“ kommt mit plumper „In-die-Fresse-Satire“ daher, gegen die selbst eine schlechte Episode des „ZDF Magazin Royale“ ein intellektuelles Meisterwerk ist, und bei der die Geschichte auf Biegen und Brechen so hingebogen wird, dass sie passt. Und dann macht er das, was er schon bei „Flucht von Piranesi“ (Link) gemacht hat, nämlich einfach mittendrin aufhören. Denn einer der Bösewichte rettet dann doch lieber die halbnackte Tänzerin, anstatt sie zum Schafott zu führen, weil dann kann er immerhin noch einen belanglosen Rechtfertigungsmonolog halten. Ende... Und ich frage mich, ob Manara einfach nur wieder keine Lust hatte über seine Geschichte nachzudenken, oder ob er gemerkt hat, dass ihm eine „ernste“ Geschichte nicht genug Gelegenheiten bietet, um nackte Frauen in entwürdigender Weise zu zeichnen. Denn tatsächlich ist „Revolution“ für einen Manara-Comic, besonders für einen mit dem „Splitternackt“-Gütesiegel, geradezu jugendfrei. Was dann umso mehr zeigt, wie lächerlich Manara die Handlung verbiegen muss, um auch nur einen Hauch von Sexualität oder wenigstens Nacktheit einzuflechten... Und das macht mich traurig, denn die Grundidee von „Revolution“ hat bei aller satirischen Plattheit ein gewisses Potenzial, bei dem talentierte Kreativschaffende eine wirklich bedeutsame und eben auch tagesaktuelle Mediensatire hätten schreiben können. So aber wirkt es eher wie das unausgegorene Konzept eines 14-jährigen Edgelords, der sich jetzt für wahnsinnig hochbegabt hält, weil ihm ChatGPT mal den Verlauf der Französischen Revolution sowie die Werke von Adorno und Habermas zusammengefasst hat und er daraus dann eine 5-Seiten-PowerPoint gebastelt hat. Denn mehr ist „Revolution“ wirklich nicht! Und das ebenso ärgerlich wie auch das Aufblasen des Hardcover-Bandes auf immerhin 64 Seiten, von denen gut ein Viertel nur aus einem Bonusteil mit zusammenhangslosen Manara-Zeichnungen (teils aus ganz anderen Comics) besteht.
Fazit: Immerhin ganz solide angefangen, dann rasch nachgelassen. Milo Manara wird einfach wahnsinnig überschätzt, sowohl von seinen Fans als auch von ihm selbst. Aus einer netten Grundidee macht er in „Revolution“ (Link) eine halbherzige und platte Satire, deren erzählerisches Potential zu keiner Sekunde genutzt wird. Schade!
