Erst gestern habe ich mich wahnsinnig über die „Splitternackt“-Comics im Allgemeinen und „Dunkle Spiele“ (Link) im Speziellen aufgeregt. Und da war die Camgirl-Geschichte des Doppelbandes noch auf niedrigstem Niveau die bessere der beiden Sexgeschichten – Sorry, niemals werde auch nur ein einziges Machwerk vom Lüstling Manara als „erotisch“ adeln. Dass man das Thema deutlich besser aufgreifen kann zeigt der „Splitter Verlag“ (dem das „Splitternackt“-Imprint gehört und der so mutig ist, mir trotz meiner Verrisse immer wieder Rezensionsexemplare zur Verfügung zu stellen) quasi zeitgleich, denn der für die Geschichte und die Zeichnungen gleichermaßen zuständige Künstler Axel hat mit „Der gläserne Raum“ einen Camgirl-Comic geschaffen, der das Thema bei aller Nacktheit deutlich weniger voyeuristisch und sehr viel ernsthafter angeht.
Flavia ist ein Camgirl, die 24/7 aus ihrer Wohnung streamt. Egal ob sie isst, auf die Toilette geht oder masturbiert – Ihr Fans können die 44-jährige, die sich selbst als „Bloggerin“ bezeichnet, jeden Tag rund um die Uhr bewundern. Flavia mag ihren Job, auch wenn sie sich sorgt, wie lange sie den in ihrem Alter noch ausüben kann und ob sie mit eben jenen jemals einen Freund finden wird. Spoiler: Ja! Marco heißt der etwas jüngere Elektriker, der nach einigen Dates auch ohne Scheu direkt vor den Kameras loslegt. Alles prima also? Nein, denn je mehr Marco sich in Flavia verliebt, umso eifersüchtiger wird er auf die Zuschauenden da draußen. Ob das junge Glück diese Krise überwinden kann?
Okay, stecken wir gleich mal den Rahmen ab. Wie schon zuvor bei „Die Versuchung“ (Link) gehören Erotik-Comics von Axel qualitativ zur oberen Hälfte aller „Splitternackt“-Titel. Gut, das muss nicht viel heißen, weil die ganze Flut an Manara-Machwerken den Durchschnitt nach unten zieht, aber ihr wisst, was ich meine ;-) Schön ist hier einfach, dass in seinen Comics authentische Probleme abgehandelt werden. Die Sorge darüber, ob ein potentieller Partner etwa Sexarbeit akzeptiert und dass dieser das auch anfangs tut, dann aber Exklusivitätsrechte anmeldet (selbst wenn sich dadurch die finanziellen Machtverhältnisse verschieben), ist ein durchaus realistisches und immer wieder vorkommendes Konfliktszenario (welches ich auch z.B. in meinem Bekanntenkreis schon erlebt habe).
Leider wird das Thema dann aber trotz 64 Seiten Buchumfang nur stichpunktartig abgehandelt, da die Nackt- & Sexszenen deutlich mehr Raum einnehmen. Was natürlich verschenktes Potential ist, denn gerade Flavias Verhalten bietet einigen Interpretationsspielraum (Spoiler, weiterlesen auf eigene Gefahr, aber andererseits ist es ein Sexcomic und kein Plot-Twist-Drama ;-) Beispielsweise lässt die letzte Szene die Interpretation zu, dass sie Marco ohne dessen Einverständnis beim Sex filmt. Auch über die Fragen, wer Schuld an der zwischenzeitlichen Trennung ist und ob Sexarbeit wirklich die einzige Option ist oder einfach nur schnelles Geld, könnte man vortrefflich diskutieren). Trotzdessen komme ich aber nicht umhin eben jene expliziten Szenen zu loben. Diese sind, wie von Axel bekannt, nämlich durchaus ästhetisch inszeniert und dabei realistisch genug, dass man wirklich glaubt, dass hier „echte Menschen“ Sex haben. Einige Praktiken hätte ich nicht haben müssen, aber ich will jetzt auch kein Kink-Shaming betreiben, ist halt nur nicht mein Bier. Deswegen ändert das nichts an meinem halbwegs positiven...
Fazit: „Der gläserne Raum“ (Link) ist zuvorderst ein Erotikcomic, bei dem eine glaubwürdige Geschichte ein durchaus funktionales Korsett für hübsch gezeichnete Sexszenen bietet. Das ist immer noch kein Meisterwerk, aber trotzdem gehören die Werke von Axel qualitativ definitiv in die obere Hälfte des „Splitternackt“-Portfolios.
